16  1.  Die  neue  Mehrheit.

Stoßen  Sie  nicht  schon  im  Rahmen  Ihrer  Fraktion  auf  Gegensätze,  wie
sie  etwa  zwischen  Herrn  v.  Heydebrand  und  Herrn  Fischbeck  oder  Herrn

Payer  bestehen?  (Heiterkeit.)

Sie  bilden  auch  keine  homogene  Masse  und  würden  wahrscheinlich  alle
Plätze  dieses  hohen  Hauses  von  rechts  bis  links  füllen,  wenn  das  konfessionelle
Band  fortfiele,  das  Sie  zusammenhält.
(Sehr  gut!)

Also  denken  Sie  an  Ihre  eigene  Verschiedenheit;  denken  wir  an  die  Ver—
schiedenheiten  in  der  Zentrumsfraktion,  und  wundern  wir  uns  nicht  darüber,
daß  auch  die  Mehrheit,  die  sich  aus  den  Wahlen  herausgestellt  hat,  in  ihren
Ansichten  über  manche  Punkte  auseinandergeht.

Diese  Mehrheit  hat  sich  gefunden  in  einem  Punkte,  der
für  die  verbündeten  Regierungen  weitaus  der  wichtigste
ist,  nämlich  in  dem  nationalen  Gedanken.  Von  diesem
Punkte  ausgehend  und  ihn  als  unverrückbare  Basis  betrachtend,
  muß  die  Mehrheit  jetzt  vor  allem  zeigen,  daß
sie  positive  Arbeit  zu  leisten  vermag.  Darauf  kommt  alles  an.
Dadurch  wird  sie  ihren  Sieg  bei  den  Wahlen  rechtfertigen,  dadurch  sich
dauernd  den  Einfluß  sichern,  dadurch  immermehr  sich  das  Vertrauen  des
Volkes  erwerben.  Und  wenn  die  Mehrheit  positive  Arbeit  leistet,  dann  wird
auchjeder  leitende  Staatsmann  mit  der  Verschiedenartigkeit  ihrer  Zusammensetzung
  rechnen  müssen.  Ich,  meine  Herren,  werde  ihr  Rechnung  tragen.

(Bravol)

Meine  Herren,  ich  habe  hier  mal  gesagt,  daß  ich  keine  Vorurteile  hättet).
Das  soll  nicht  bedeuten,  daß  ich  heute  konservativ  und  morgen  liberal  regieren
könnte,  heute  die  nach  pflichtmäßiger  Uberzeugung  von  mir  vertretene
Wirtschaftspolitik  führen,  morgen  mich  dem  Freihandel  zuwenden  könnte.
Nein,  meine  Herren,  in  dem  Schutz  aller  nationalen  Arbeit,  in  der  gleichmäßigen
  Berücksichtigung  der  Interessen  aller  Erwerbszweige,  in  dem
Schutze,  dem  vollen  Schutze  für  die  Landwirtschaft

(bravol!  rechts),
in  der  Förderung  der  Industrie,  in  der  Fürsorge  für  die  Arbeiter  werde
ich  mir  treu  bleiben  2).  Diese  Politik  betrachte  ich  als  mein  eigenstes  Werk,
das  ich  nicht  zerstören  werde.

(Bravol  rechts.)

1)  Rede  vom  14.  Nov.  1906.  II,  S.  341.

2)  Diesen  Standpunkt  sprach  Fürst  Bülow  bereits  bei  seinem  überhaupt  ersten  Auftreten
  im  Abgcordnetenhausc  aus,  s.  Rede  vom  9.  Jannar  1901,  1,  176ff.