Februar  1907.  23

Die  Niederlage  der  Sozialdemokratie  war  aber  auch  wohlverdient,
weil  sie  die  Strafe  war  für  eine  politische  Kampfesweise  und  für  eine
publizistische  Methode,  wie  sie  so  brutal  die  gebildete  Welt  doch  noch  kaum
gesehen  hat.

(Sehr  richtig!)

Ich  habe  ja  nun  in  der  Kundgebung  des  sozialdemokratischen  Partei—
vorstandes  nach  den  Wahlen,  in  der  sogenannten  Trostepistel  an  die  Genossen
(Heiterkeit),
gelesen,  künftig  würde  der  Ton  der  Sozialdemokratie  ein  feinerer  werden.
Na,  ich  will  das  abwarten.  Die  Höflichkeit,  die  Courtoisic,  mit  der  soeben
Oerr  Bebel,  dem  gegenüber  ich  niemals  die  Form  der  guten  Gesellschaft
außer  acht  gelassen  habe,  mir  grobe  Unwissenheit  vorgeworfen  hat,  läßt

mich  in  dieser  Beziehung  noch  einige  Zweifel  hegen.

(Seiterkeit.)
Jedenfalls,  bisher  war  es  einfach  fürchterlich.  Ich  bin  viel  herumgekommen,
ich  habe  infolge  meines  Lebensganges  viel  im  Auslande  gelebt,  ich  entsinne
  mich  aber  nicht,  irgendwo  derartige  Rüpeleien  erlebt  zu  haben,  wie
sie  namentlich  seit  dem  Dresdener  Parteifongreß  die  sozialdemokratische
Presse  in  unser  früher  anständiges  und  vornehmes,  von  idealistischem
Schwunge  getragencs  öffentliches  Leben  einzubürgern  suchte.

(Sehr  richtig!  rechts  und  links.)
Und  das  war  eine  logische  Entwickelung.  Aus  dem  Haß  geboren,  mußte
die  sozialdemokratische  Presse  schließlich  bei  dem  Sauherdenton  1)  anlangen.
Nicht  nur  die  Monarchie,  die  Armec,  nein,  das  Vaterland,  die  Nation,
alles,  was  der  großen  Mehrheit  unseres  Volkes  heilig  und  teuer  ist,  wurde
mit  einer  Wut,  mit  einem  Ingrimm  verfolgt,  mit  dem  der  große  Dichter
seinen  Caliban  alles  Hohe  und  Edle  angreifen  läßt.  Und  dieser  Tonart,
das  will  ich  ganz  besonders  konstatieren,  ist  die  sozialdemokratische  Partei
auch  in  diesem  Wahlkampf  treu  geblieben.
(Sehr  richtig!  links.)

Wie  ein  Indianerstamm  auf  dem  Kriegspfad  sind  sic  in  diesen  Wahlkampf
gezogen

(Heiterkeit),
Unglaubliches  ist  geleistet  worden,  nicht  nur  im  Herunterziehen  nationaler
Empfindungen  und  Gefühle,  sondern  auch  in  der  Beschimpfung  der  Gegner.

)  Dieses  geflügelte  Wort  ist  nach  einem  Artikel  der  „Leipziger  Volkszeitung“  gebildet,
  den  Fürst  Bülow  schon  in  der  Rede  vom  9.  Dezember  1904  (II,  S.  139)  zitiert  hat.