Februar  1907.  31

Lager  des  Proletariats,  zwischen  denen  eine  unüberbrückbare  Kluft  be—
stehen,  zwischen  deuen  ein  unversöhnlicher  Klassenkampf  unvermeidlich
sein  soll.  Ich  behaupte  zunächst,  daß  die  Annahmec,  als  ob  die  Gegensätze
zwischen  reich  und  arm,  zwischen  gebildet  und  ungebildet  sich  immer  mehr
verschärfen,  irrig  ist
(sehr  richtig!  rechts):
ich  behaupte,  daß  die  Doktrin  von  der  Unüberbrückbarkeit  dieser  Gegensätze,
  von  der  Unversöhnlichkeit  von  Arbeit  und  Kapital,  von  der  Unvermeidlichkeit
  eines  unversöhnlichen  Klassenkampfes,  —  daß  diese  Doktrin
durch  die  tatsächliche  Entwicklung  der  Dinge  widerlegt  wird.
(Lebhafte  Zustimmung.)
Die  mittlere  Schicht,  die  sich  zwischen  diesen  beiden  Polen  gebildet  hat
und  sie  in  geistiger  wie  in  materieller  Beziehung  einander  nähert,  ist  in
der  Zunahme  begriffen.
(Sehr  richtig!  rechts  und  links.)
Und  jedenfalls  hoffe  ich,  daß  die  verbündeten  Regierungen,  daß  die  bürgerlichen
  Parteien,  daß  alle  diejenigen,  die  eine  friedliche  und  —  ich  füge
hinzu  —  eine  freiheitliche  Entwicklung  unserer  inneren  Verhältuisse  wünschen,
nicht  erlahmen  werden  in  dem  Bestreben,  diese  Kluft  zu  mildern  und,
soweit  dies  in  menschlicher  Macht  liegt,  zu  überbrücken.  Ich  hoffe,  daß
weder  die  verbündeten  Regierungen  noch  die  bürgerlichen  Parteien  sich
durch  die  Sozialdemokratie  irre  machen  lassen  werden  in  dem  Bestreben,
durch  gewissenhafte  Erfüllung  ihrer  sozialen  Pflichten  die  vorhandenen
Gegensätze  auszugleichen.  Ich  glaube,  daß  im  letzten  Ende  die  wahren
Interessen  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  solidarisch  sind.
(Sehr  richtig!  rechts.)
Ich  glaube,  daß,  wenn  auch  erst  nach  langen  und
schweren  Kämpfen,  der  Tag  kommen  wird  —  ja,
er  wird  kommen!  —,  wo  Kopf  und  Hand  einträchtiger  zusammenwirken
  werden  als  heute,  wo  wir  auf  die  sozialdemokrati
sche  Bewegung  zurückblicken  werden,  wie  der  Genesene
  zurückblickt  auf  eine  böse  Krankheit,  wie
der  Erwachende  zurückblickt  auf  einen  wüsten  Traum.
(Stürmischer  Beifall  rechts  und  links.)