36  3.  Antrag  Hompesch.  —  Internationale  Lage.

Meine  Herren,  ich  stelle  mit  Genugtuung  und  Dankbarkeit  fest,  daß
die  Gesichtspunkte,  die  ich  soeben  entwickelt  habe,  sich  im  wesentlichen  decken
mit  den  bisherigen  Ausführungen  der  Vertreter  aller  Parteien.  Gestützt
auf  diese  Einmütigkeit  wird  Deutschland  auf  der  Haager  Konferenz  durch
sein  tatsächliches  Verhalten  beweisen,  daß  wir  alle  Bestrebungen,  die  geeignet
sind,  den  Frieden,  die  Zivilisation  und  die  Menschlichkeit  praktisch  zu  fördern,
aufrichtig  unterstützen.

(Lebhafter  Beifall.)

Meine  Herren,  ich  möchte  jetzt  eingehen  auf  den  von  mehreren  Seiten
berührten  Antrag  Hompesch  und  Genossen  1).  Der  Herr  Staatssekretär
des  Außern  wird  sich  über  die  Stellung  des  Auswärtigen  Amts  zu  diesem
Antrag  seinerseits  äußern.  Ebenso  überlasse  ich  ihm,  nötigenfalls  die  Grundsätze,
  die  im  Auswärtigen  Amte  maßgebend  sind  für  die  Rekrutierung
und  die  Ansbildung  unseres  diplomatischen  und  konsularischen  Personals,
darzulegen.

Ich  halte  den  von  mehreren  Herren  Vorrednern  ausgesprochenen
Munsch  des  Reichstags,  über  Gang  und  Stand  unserer  auswärtigen  Politik
unterrichtet  zu  werden,  für  durchaus  berechtigt.  Seitdem  ich  an  dieser  Stelle
stehe,  bin  ich  bemüht  gewesen,  diesem  Wunsche  Rechnung  zu  tragen.  Ich
glaube  nicht,  daß  es  im  Juland  oder  im  Ausland  einen  Minister  gibt,  der
sich  über  auswärtige  Fragen  so  oft,  so  eingehend  und  so  freimütig  ausgesprochen
  hätte  wie  ich.  Diese  Anerkennung  habe  ich  selbst  in  sonst  gegnerischen
  Blättern  gelesen.

Wenn  der  Antrag  Hompesch  und  Genossen  sich  auf  diese  Forderung
beschränkte,  so  würde  ich  ihm  nicht  widersprechen,  sondern  gern  eine  entgegenkommende
  Erklärung  abgeben.  Der  Antrag  fordert  aber  mehr.  Er
verlangt,  daß  dem  Reichstag  periodisch  über  die  internationalen  Beziehungen
des  Deutschen  Reichs  urkundliches  Material  unterbreitet  werde.  Dieser
Forderung  muß  ich  widersprechen  und  zwar  aus  schwerwiegenden  Gründen.
Dieser  Antrag  enthält  ein  Verlangen,  das  auch  in  anderen  Ländern,  auch
in  rein  demokratischen  oder  ganz  parlamentarisch  regierten  Staaten  nicht
gestellt,  geschweige  denn  erfüllt  wird;  denn  seine  Erfüllung  würde  die
Salus  publica  gefährden.

Ich  möchte  bei  dieser  Gelegenheit  an  einen  Vorgang  aus  jüngster
Zeit  erinnern.  Im  französischen  Senat  wurde  der  französische  Minister-1)

  Der  Antrag  Hompesch  lautete:  „den  Herru  Reichskanzler  zu  ersuchen,  dem  Reichstage
  periodisch  über  die  internationalen  Beziehungen  des  Deutschen  Reiches  urkundliches
Material  zugehen  zu  lassen."