April  1907.  39

Auch  in  Persien  nehmen  wir  ohne  politische  Hintergedanken
nur  wirtschaftliche  Bewegungsfreiheit  in  Anspriich.  Gestützt  auf  Zusicherungen,
  die  uns  von  beiden  Seiten  spontan  gegeben  worden  sind,  sehen
wir  dem  Abschluß  der  englischerussischen  Verhandlungen  über  Persien  ohne
Unruhe  entgegen.  Der  gleiche  ruhige  und  abwartende  Standpunfkt  gilt
für  das,  was  Rußland  und  England  als  asiatische  Landmächte  über  innere
asiatische  Grenzfragen,  mag  es  sich  um  Tibet  oder  um  Asghanistan  handeln,
vereinbart  haben  oder  noch  vereinbaren  werden.

Meine  Herren,  ich  sehe  voraus,  daß  man  mir  wieder  vorwerfen  wird,
ich  nähme  die  russisch-englische  Amnnäherung  zu  gleichmütig.  Ich  nehme
sie  als  das,  was  sie  ist,  nämlich  als  den  Versuch,  auf  einem  uns  ziemlich
fern  liegenden  Gebiete  alte  Streitfragen  zu  begleichen.  Ich  nehme  sie  aber
auch  als  die  Bekräftigung  einer  Ansicht,  die  ich  als  nüchterner  Beobachter
schon  vor  Jahren  aus  dem  Auslande  hier  mitgebracht  habe,  nämlich,  daß
wir  den  Gegensatz  zwischen  Walfisch  und  Elefanten  nicht  als  unveränderlichen
  Faktor  in  unsere  politische  Rechnnng  einstellen  können.  Es  gibt
überhaupt  keinen  Gegensatz  zwischen  zwei  Mächten,
den  Deutschland  dauernd  als  eine  Gelegenheit  für
sich  und  als  eine  Ungelegenheit  für  andere  ausnützen
  könntec.  Das  kann  man  offen  aussprechen  ohne  Leichtherzigkeit,
  aber  auch  ohne  Pessimismus.  Ich  will  bei  dieser  Gelegenheit  nicht
wiederholen,  was  ich  gelegentlich  über  die  Nachtcile  einer  übertriebenen
Kritik  der  auswärtigen  Politik  des  Landes  ausgeführt  habe.  Ich  will  nur
darauf  hinweisen,  daß  eine  ruhige,  feste  und  mutige  Beurteilung  der  Lage
noch  lange  keine  Schönfärberei  ist.

(Sehr  richtig!)
Daß  wir  von  Schwierigkeiten  und  Gefahren  umgeben  sind,  weiß  niemand
besser  als  ich.  Sie  sind  unsere  ständigen  Begleiter  als  Folge  unserer  schon
aus  geographischen  Rücksichten  exponierten  Lage.  Um  solche  Schwierigfeiten
  und  Gefahren  zu  überwinden,  ist  ruhiges  Selbstbewußtsein  und
Vertrauen  in  die  Kraft  der  Nation  nötig.
(Bravo!  Sehr  wahr!)

Erhalten  wir  uns  das  Vertrauen  und  die  Achtung,  die  unsere  Macht  und
unsere  Friedensliebe  einflößen,  pflegen  wir  unsere  Freundschaften  und
unsere  Bündnisse,  und  wir  brauchen  nicht  ängstlich  zu  sein,  wenn  Ententen
abgeschlossen  werden  über  Dinge,  die  uns  nicht  unmittelbar  berühren.
Von  Feindschaften  anderer  untereinander  können
wir  überhaupt  nicht  leben.  Lassen  wir  anderen  die  Bewegungs-