50  5.  Polenfrage  und  Enteignungsgejetz.

An  Bereitwilligkeit,  auch  das  städtische  Deutschtum  zu  festigen  und  zu  stärken,
fehlt  es  uns  wahrlich  nicht:  aber  seine  Stärkung  kann  nicht  so  unmittelbar
durch  staatliche  Unternehmungen  herbeigeführt  werden  wie  die  Vermehrung
deutscher  Bauern.  Dem  Bauern,  den  ich  zu  angemessenem  Preise  und
unter  sonstigen  normalen  Verhältuissen,  wie  sie  die  Ansiedlungskommission
in  ihren  Kolonien  schafft,  auf  einer  Wirtschaft  von  10  Morgen  ansiedele,  verschaffe
  ich  damit  eine  gesicherte  Existenz.  Der  Industricarbeiter,  der  Handwerker,
  der  Kaufmann  braucht  Arbeitsgelegenheit,  einen  Kundenkreis,  um
zu  leben;  die  kann  ihm  der  Staat  allein  und  direkt  nicht  schaffen  und  sichern:
hier  sind  dem  unmittelbaren  Eingriffe  des  Staates  enge  Grenzen  gezogen.

Es  darf  auch  nicht  vergessen  werden,  daß  der  Rückgang  kleiner  Städte
nicht  bloß  in  den  Ansiedlungsprovinzen,  sondern  auch  in  anderen  Landesteilen
  beobachtet  wird,  daß  überall  gerade  die  tüchtigsten  und  kapitalkräftigsten
Elemente  am  meisten  Neigung  zur  Abwanderung  in  die  Großstädte  zeigen,
und  daß  diese  Bevölkerungsschicht  in  den  westpreußischen  und  posenschen
Städten  bis  vor  kurzem  gerade  aus  Deutschen  bestand.

Um  so  erfreulicher  sind  die  günstigen  mittelbaren  Wirkungen,  die  von
den  Ansiedlungen  auf  die  ihnen  benachbarten  Städte  ausgehen,  und  die
sich,  wie  das  die  Ihnen  zugegangene  Denkschrift  nachweist,  schon  jetzt  vielfach
zeigen.  Der  Rückgang  des  deutschen  Handwerks  in  diesen  Städten  kommt
allmählich  zum  Stillstand;  die  deutschen  Gewerbetreibenden  spüren,  wie
das  von  den  verschiedenen  Ortsbehörden  dankbar  bezeugt  wird,  die  Be
lebung  von  Handel  und  Wandel  durch  die  Kaufkraft  der  zahlreichen  Ansiedler,
die  an  die  Stelle  der  Großgrundbesitzer  und  ihrer  bedürfnislosen  polnischen
Arbeiter  getreten  sind.  Ganz  besonders  erfreut  sich  bei  der  regen  Bautätigkeit
  der  Ansiedlungskommission  und  ihrer  Kolonisten  das  Baugewerbe
eines  lebhaften  Aufschwungs.  Ich  glaube  daher,  daß,  zumal  bei  der  immer
schärferen  Boykotticrung  der  deutschen  Gewerbetreibenden  durch  die  Polen,
nichts  dem  Deutschtum  der  Städte  mehr  zu  statten  kommen  kann  als
ein  Kranz  deutscher  Bauerndörfer,  der  sich  um  das  städtische  Weichbild  legt.
Ihre  volle  Wirkung  für  die  Vermehrung  der  deutschen  Einwohner  der  Städtewird
  solche  Ansiedlungsmethode  freilich  erst  in  späterer  Zeit  zeigen,  wenn  die
Nachkommen  der  ländlichen  Ansiedler  sich  nach  städtischen  Nahrungen  umsehen.


Auch  auf  dem  Lande  hat  die  Ansiedlungskommission  sich  nicht  auf  die
Ansetzung  neuer  Kolonisten  beschränkt,  sondern  neuerdings  den  Versuch
gemacht,  dic  rechtliche  Sicherung  des  Besitzes  in  deutscher  Hand,  wie  sie
bei  den  Ausiedlungsrentengütern  geschieht,  auf  den  alteingesessenen  Bauernstand
  auszudehnen.  Eine  Handhabe  hierfür  gewährt  ihr  die  starke  Verschul