56  5.  Polenfrage  und  Enteignungsgesetz.

Und  ich  bin  gewiß,  daß  der  deutsche  Großgrundbesitz  in  seiner  Allgemein
heit  es  mit  mir  auf  das  schärfste  verurteilt,  wenn  einzelne  seiner  Angehörigen,
  aus  Gewinnsucht  ihre  nationalen  Pflichten  vergessend,  mit  der
deutschen  Scholle  einen  schnöden  Schacher  treiben,  ja,  daß  man  gerade
von  dieser  Seite  es  der  Regierung  danken  wird,  wenn  sie  solche  Elemente
brandmarkt  und  ihnen  ihr  unwürdiges  Handwerk  zu  legen  sucht.

(Bravol)

Drei  Faktoren  sind  es,  meine  Herren,  die  den  Gütermarkt  der  Ansiedlungsprovinzen
  zurzeit  maßgebend  beeinflussen  und  im  höchsten  Maße
beunruhigen.  Erstens  die  polnischen  Parzellierungen,  gefördert  durch
nationale  Rücksichten  und  das  Landbedürfnis  der  polnischen  Bevölkerung.
Zweitens  der  Bedarf  der  Ansiedlungskommission,  die  ohne  einen  jährlichen
Ankauf  von  30  000  ha  den  erfreulich  gestiegenen  Kolonistenzuzug  nicht
unterbringen  kann,  und  die  außerdem  von  der  öffentlichen  Meinung  noch
immer  für  jeden  Ubergang  eines  deutschen  Gutes  in  polnische  Hände  verantwortlich
  gemacht  wird.  Drittens  die  polnische  und  die  deutsche  Spekulation.


Die  Folgen  zeigen  sich  deutlich  in  dem  Ansteigen  der  Güterpreise,
das,  wenn  man  auch  die  Mitwirkung  des  wirtschaftlichen  Aufschwungs
der  Provinzen  Westpreußen  und  Posen,  die  Verbesserung  des  Verkehrs
und  der  Absatzverhältnisse,  die  Vervollkommnung  des  landwirtschaftlichen
Betriebes  noch  so  hoch  veranschlagt,  als  ein  durchaus  ungesundes  bezeichnet
werden  muß.  Die  Königliche  Ansiedlungskommission  zahlte  im  jährlichen
Durchschnuitt  pro  Hektar  1886  568  .4,  und  dieser  Preis  war  bis  1895  ungefähr
  der  gleiche  geblieben.  Erst  mit  dem  Jahre  1896  setzte  eine  energische
poluische  Parzellierungstätigkeit  und  daun  auch  bald  das  Treiben  der
Spekulanten  ein,  und  von  da  an  beginnt  ein  fast  unnnterbrochenes  An
steigen  der  Preise.  1895  zahlte  die  Kommission  noch  571  .«
pro  Hektar,  1900  schon  809  K,  1906  1383  A.

(Hört,  hört!))
In  den  letzten  sechs  Jahren  also  eine  Preissteigerung  um  mehr  als  70%,
seit  1895  aber  um  142%1

Diese  Preise  interessieren  nicht  so  sehr  wegen  ihrer  Wirkung  auf  die
Rentabilität  des  Ansiedlungsunternehmens,  die  ich  wegen  seines  indirekten
Nutzens  für  den  Staat  auch  jetzt  noch  für  eine  gute  halte,  sondern  wegen
der  zunehmenden  Lockerung  des  deutschen  Grundbesitzes,  die  sie  zur  Folge
haben.  Im  allgemeinen  ist  das  nationale  Pflichtgefühl  unter  den  Grundbesitzern
  wie  bei  allen  ostmärkischen  Deutschen  durch  den  Nationalitäten-