November  1907.  57

kampf  geschärft  worden.  Wer  ohne  Grund  —  nur  um  Geldgewinns  willen
—  deutschen  Boden  ausgibt,  wird  auch  bei  uns  scharf  verurteilt.  Aber
die  Bodenständigkeit  unseres  deutschen  Grundbesitzes  in  den  Provinzen
Westpreußen  und  Posen  ist  leider  noch  keine  große.  Auch  unter  den  Deutschen
gehen  die  Güter,  zum  Spekulationsobjekt  geworden,  von  Hand  zu  Hand,
nicht  zum  Vorteil  der  Wirtschaft.  Bei  Erbteilungen  wird  gegenüber  den
lockenden  Kaufangeboten,  die  niemals  fehlen,  die  Neigung,  den  Besitz
zu  halten,  immer  geringer.  Wie  Kenner  der  beiden  Provinzen  mir  versichert
  haben,  gibt  es  in  Westpreußen  und  Posen  außer  den  Fideikommissen
nur  wenige  Güter  in  Privatbesitz,  die  nicht  sofort  verkäuflich  sind.  Diese
Bewegung  greift  deutlich  erkennbar  auch  schon  auf  den  alteingesessenen
Bauernstand  über;  sie  rüttelt  damit  an  dem  festesten  Fundamente  des
ostmärkischen  Deutschtums  und  bedeutet  für  dieses  eine  Gefahr,  die  gar
nicht  ernst  genug  genommen  werden  kann.

Zunächst  ist  am  schwersten  der  deutsche  Großgrundbesitz  bedroht.  Er
überwog  im  Jahre  1886  in  der  Provinz  Posen  den  polnischen  noch  um  rund
70  000  ha.  Im  Mai  1906  betrug  das  llbergewicht  noch  rund  19  000  ha
und  wird  wahrscheinlich  inzwischen  verschwunden  sein.  Die  Folge  ist  in
zahlreichen  Kreisen  eine  Vernichtung  oder  Gefährdung  der  deutschen
Kreistagsmehrheit,  und  die  Polonisierung  der  Kreistage  1)  gefährdet
wiederum  die  Stellung  der  Deutschen  in  anderen  Selbstverwaltungsorganen,
  deren  Zusammensetzung  von  der  Wahl  der  Kreistage  abhängt.
Aus  dem  deutschen  Großgrundbesitz  deckt  nicht  nur  die  Ansiedlungskom--mission,
  sondern  auch  die  polnische  Kolonisation  in  der  Hauptsache  ihren
Bedarf  an  Land.  Im  Jahre  1905/06  verlor  z.  B.  der  polnische  Großgrundbesitz
  nur  3421  ha.  der  deutsche  26  171  ha.  Geht  es  so  weiter,  so  wird
in  20  Jahren  voraussichtlich  der  deutsche  Großbesitz  mur  aus  Fideikommissen
und  Domänen  bestehen  und  gegenüber  dem  polnischen  sich  in  verschwindender
  Minderheit  befinden.  Diese  Entwicklung  wird  auch  durch  die  Regulierung
  des  Großgrundbesitzes  und  seine  Stellung  unter  Ansiedlerrecht
ohne  Sanierung  des  Gütermarktes  nicht  aufzuhalten  sein;  deun  bei  weiterem
schnellen  Steigen  der  Preise  wird  der  Anreiz  zur  Veräußerung  immer
stärker.

Daneben  macht  sich  die  eigentümliche  Erscheinung  bemerkbar,  daß
der  Ansiedlungskommission  ein  planmäßiges  Vorgehen  immer  mehr  erschwert
  wird.  Für  jeden,  der  die  Verhältuisse  der  Provinzen  Posen  und

1)  Auf  den  Kreistagen  der  Provinz  Posen  haben,  da  die  alte  Ordnung  von  1828
dort  noch  gilt  die  Rittergutsbesitzer  Virilstimmrecht.