58  5.  Polenfrage  und  Enteignungsgesetz.

Westpreußen  kennt,  ist  es  klat,  daß  uns  mit  vereinzelten  Ansiedlungen
nicht  gedient  ist.  Wir  müssen  große  Inseln  des  Deutschtums  im  polnischen
Meere  bilden,  und  unbedingt  notwendig  ist  die  starke  Massierung  der
Kolonien  nicht  nur  im  Interesse  ihrer  eigenen  Erhaltung,  sondern  auch
um  den  Ansiedlergemeinden  einen  politischen  Einfluß  zu  sichern.  Am
stärksten  muß  diese  Massierung  in  der  Nähe  der  Städte  einsetzen,  um  diese
einer  allmählichen  Verdeutschung  zuzuführen.  Nach  diesem  Grundsatz
zu  verfahren,  wird  aber  der  Ansiedlungskommission  von  Jahr  zu  Jahr
schwerer.  Nimmt  sie  an  einer  wichtigen  Stelle  die  Gründung  eines  größeren
Ansiedlungskomplexes  in  Augriff,  so  ist  ihr  Plan  nach  den  ersten  Gutskäufen
  für  jedermann  leicht  erkennbar,  und  die  Spekulation  bemächtigt
sich  sehr  bald  derartiger  Gebiete.  Die  Polen  suchen  gleichfalls  in  sie  einzudringen,
  und  die  Preistreibereien  nehmen  ihren  Anfang.  Will  die  Ansiedlungskommission
  in  solchen  Lagen  nicht  geradezu  unsinnige  Preise
anlegen,  so  kann  sie  häufig  nichts  erwerben.  Die  Gutseigentümer,  auf  ein
weiteres  Steigen  der  Preise  rechnend,  ziehen,  wenn  nicht  von  polnischer
Seite  die  Ansiedlungskommission  erheblich  überboten  wird,  vor,  mit  dem
Verkauf  zu  warten,  womit  sic  bei  der  Zwangslage,  in  der  die  Ansiedlungskommission
  sich  befindet,  vielfach  auch  durchaus  richtig  spekulieren.

Diese  abwartende  Tendenz  und  der  Umstand,  daß  aus  polnischer
Hand  für  die  Kommission  fast  nichts  mehr  zu  haben  ist,  wirken  offenbar
mit  bei  dem  ganz  auffälligen  Rückgang  des  Angebots  in  den  letzten  Jahren.
Während  der  Ansiedlungskommission  1903  noch  226  000  ha  zum  Kauf
angeboten  wurden,  sank  diese  Ziffer  bis  1906  allmählich  auf  102  000  ha,  und
gleichzeitig  verringerte  sich  die  Durchschnittsgröße  der  angebotenen  Güter
ganz  bedeutend,  so  daß  geeignete  Besiedlungsobjekte  immer  seltener  zu
haben  sind,  und  eine  planmäßige  Siedlung  vielfach  unmöglich  wird.

Nun  hat  man  der  Regierung  den  wohlmeinenden  Rat  erteilt,  das
Tempo  der  Besiedlung  zu  verlangsamen  und  die  Gutsankäufe  auf  einige
Zeit  zu  sistieren:  das  würde  die  weitere  Preissteigerung  aufhalten.  Es  ist
möglich,  daß  diese  Wirkung  einträte.  Aber  das  Mittel  kann  nicht  angewendet
werden,  ohne  daß  wir  große  Teile  der  Ansiedlungslustigen  zurückweisen,
und  damit  zerstören  wir  einen  der  besten  Erfolge  der  Ansiedlungskommission
vielleicht  für  immer.  Noch  im  Jahre  1902  bezweifelte  ich,  ob  es  möglich
sein  werde,  die  nötigen  Kolonisten  für  eine  beschleunigte  Siedlungstätigkeit
zu  schaffon  1).  Erst  in  den  letzten  Jahren  ist  der  Zuzug  von  Kauf=  und
Pachtlustigen  ein  ausreichender  geworden,  und  es  ist  dies  das  Ergebnis

1)  S.  in  der  Rede  vom  27.  Mai  1902.  I,  S.  323.