64  5.  Polenfrage  und  Enteignungsgesetz.

Nun  weiß  ich  wohl,  daß  dies  alles  von  polnischer  Seite  bestritten
werden  wird;  auf  polnischer  Seite  sagt  man:  der  Staat  braucht  bloß  seine
Ansiedlungspolitik  aufzugeben,  er  braucht  nur  seine  Schulpolitik  zu  modifizieren
  und  einige  andere  kleine  Konzessionen  zu  machen,  damit  zwischen
Polen  und  Deutschen  innige  Freundschaft  entsteht,  und  damit  die  Polen
sich  in  die  besten  Untertanen  des  Staates  verwandeln.  Solche  Gedanken
sind  ja  erst  in  der  letzten  Zeit  erörtert  worden  in  einer  viel  besprochenen
Broschürc,  die  ich  auch  gelesen  habe,  und  deren  Verfasser  gewiß  von  guten
und  loyalen  Absichten  geleitet  war  1).

Meine  Herren,  der  preußische  Staat  würde  taub  sein  für  alle  Lehren
der  Geschichte  des  vergangenen  Jahrhunderts,  wenn  er  solchen  Vorschlägen,
solchen  Anerbietungen,  solchen  Lockungen  Gehör  schenken  wollte.

(Sehr  richtig!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)

Trotz  seiner  erfolgreichen  Arbeit  für  die  Kultur  und  den  Wohlstand,  für
die  Rechtssicherheit  und  die  verfassungsmäßige  Freiheit  unserer  polnischen
Mitbürger  hat  der  preußische  Staat  es  noch  immer  bitter  bereuen  müssen,
wenn  er  der  nationalen  Aspiration  der  Polen  entgegenkam.

(Sehr  richtig!)

Ich  erimnere  in  der  Beziehung  besonders  an  die  Jahre  1830,  1846  bis
1848  und  1863.  Nun  ist  ja  Gott  sei  Dank  unsere  Stellung  in  der  Welt
seitdem  eine  so  gesicherte  geworden,  daß  auch  der  kühnste  Sanguinismus
großpoluischer  Heißsporne  für  den  Fall  einer  Erhebung  nicht  mehr  auf
ausländische  Hilfe  rechnen  kann.  Die  Hoffnung  auf  Wiederherstellung
der  staatlichen  Selbständigkeit  wird  aber  im  polnischen  Volke  wachgehalten
durch  eine  unermüdliche  Agitation  der  polnischen  Presse  und  eine  weitverzweigte
  polnische  Vereinstätigkeit,  die  von  dem  Grundsatz  ausgeht:
wenn  die  staatliche  Unabhängigkeit  auch  jetzt  noch  nicht  wiederzuerlangen
ist,  so  müssen  doch  ihre  Requisiten  erhalten  und  entwickelt  werden.  Daß
die  Leiter  dieser  Bewegung  auch  von  Zeit  zu  Zeit  nicht  vor  geräuschvollen
Demonstrationen  zurückschrecken,  das  hat  uns  erst  das  verflossene  Jahr
bewiesen.  Die  Demonstrationen,  die  sich  in  dem  sogenannten  Schulstreik  2)
verkörperten,  bezweckten  im  Grunde  doch  nur,  zu  verhindern,  daß  die  polnische
  Jugend  in  der  langen  Zeit  der  Ruhe  sich  nicht  des  Gedankens  an  die
Auflehnung  gegen  dic  staatliche  Autorität  entwöhne.
(Sehr  richtig!)

—

1)  Gemeint  ist  die  Broschüre  von  S.  v.  Turno,  Zum  Enteignungsprojekt.
Offenes  Wort  eines  preußischen  Staatsbürgers  polnischer  Nationalität.  Posen  1907.
2)  Im  Winter  1906/07.