66  6.  Prozeß  Moltke-Harden.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  ich  hatte  die  Absicht,  erst  im  weiteren  Verlauf  der
Debatte  das  Wort  zu  ergreifen.  Ich  sehe  mich  aber  in  Abwesenheit  des
Herrn  Kriegsministers  genötigt,  mich  sogleich  gegen  die  Art  und  Weise  zu
wenden,  wie  sich  der  Herr  Abgeordnete  Spahn  über  Einzelheiten  des  Prozesses
  Moltke-Harden  und  über  Zustände  in  der  Armee  ausgesprochen  hat.

(Bravol  rechts.)

Der  Herr  Abgeordnete  Spahn  hat  von  der  Verseuchung  ganzer  Kavallerieregimenter
  gesprochen.  1)  Er  hat  gemeint,  daß  Eltern  Bedenken  tragen
müßten,  ihre  Söhne  in  gewisse  Kavallerieregimenter  eintreten  zu  lassen.
Meine  Herren,  hier  handelt  es  sich  um  unerwiesene  Behauptungen,  dic  ohne
Beweis  nicht  in  diesem  Hohen  Hause  wiederholt  werden  sollten.

(Sehr  richtig!)
Ich  weise  den  in  dieser  Allgemeinheit  erhobenen  Vorwurf  mit  Nachdruck
und  Entschiedenheit  zurück.

(Bravol  rechts.)

Gewiß,  soweit  im  Prozeß  Moltke-Harden  sittliche  Verfehlungen  einzelner
glaubhaft  gemacht  sind,  haben  sie  auch  mich  mit  Ekel  und  Scham  erfüllt
(Bravol!),
und  ich  zweifle  keinen  Augenblick  daran,  daß  von  unserer  Militärverwaltung

alles  geschehen  wird,  um  solche  Greuel  kerro  et  igni  auszurotten.

(Bravol)
Aber  ich  wende  mich  gegen  die  Auffassung,  als  ob  das  deutsche  Volk  und  das
deutsche  Heer  in  ihrem  innersten  Kern  nicht  vollkommen  gesund  wären.

(Bravo!  Sehrrichtig!)

So  wie  es  niemand  gibt,  der  an  dem  sittlichen  Ernst  unseres  Kaiserpaares
zweifelt,  das  in  seinem  Familienleben  dem  ganzen  Lande  ein  schönes  Vorbild
  gibt,  so  ist  auch  das  deutsche  Volk  kein  Sodom,  und  in  der  deutschen  Armee
herrschen  nicht  Zustände  wie  im  sinkenden  römischen  Kaiserreich.

(Bravol)
Und  Sie  können  sich  darauf  verlassen,  daß  gerade  unser  Kaiser  mit  scharfem
Besen  alles  ausfegen  wird,  was  nicht  zur  Reinheit  seines  Wesens  und  seines
Hauses  paßt.

(Lebhaftes  Bravo.)

1)  Der  Abgeordnete  Spahn  hatte  gesagt:  „Dieser  Verkehr  (unsittlicher  Natur
zwischen  Offizieren  und  Soldaten)  soll  sich  nun  nicht  beschränken  auf  dieses  einzelne
Garderegiment:  Harden  hat  damals  vielmehr  behauptet,  ganze  Kavallerieregimenter
in  Preußen  seien  verseucht."