November  1907.  67

Aus  den  Verfehlungen  einzelner  Mitglieder  der  oberen  Gesellschaftsklassen
—  mit  Recht  hat  das  der  verehrte  Herr  Abgeordnete  Freiherr  v.  Richthofen
soeben  ausgeführt  —  auf  eine  Korruption  des  Adels,  auf  eine  Verseuchung
der  Armce  zu  schließen,  ist  ungerecht  und  töricht  wie  alle  einseitigen  und
tendenziösen  Verallgemeinerungen.
(Sehr  richtig!)

In  allen  Berufsständen,  in  allen  Kreisen  kommen  unwürdige  Elemente
vor,  überall  gibt  es  einzelne,  die  ihrem  Beruf,  ihrem  Stand,  ihrem  Kreis  zur
Unehre  gereichen.

(Sehr  wahrk  rechts.)

Das  Vorhandensein  solcher  Elemente  aber  bedeutet  noch  keine  sittliche  Verkommenheit
  des  ganzen  Standes,  des  ganzen  Kreises.  Nur  wenn  die  Gesellschaft
  solche  Zustände  wissentlich  duldet,  wenn  sie  nicht  sich  selbst  reinigt,
macht  sie  sich  einer  Mitschuld  schuldig.

(Sehr  richtig!)
Gott  sei  Dank  stehen  aber  unser  Adel  wie  unser  Bürgertum,  unserc  militärischen
  Kreise  wie  unsere  bürgerlichen  Beruse  so  ehrenwert  da,  daß  Ausschreitungen
  einzelner  sie  nicht  beschmutzen  können.

(Bravol  rechts.)

Der  Herr  Abgcordnete  Spahn  schien  sich  darüber  zu  wundern,  daß  diese

Vorgänge  nicht  früher  zur  Kenntnis  der  obersten  Stelle  gebracht  worden
wären.  Ich  glaube,  daß  unsere  militärischen  Instanzen  in  dieser  Beziehung

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zu  Schulden  kommen  lassen
(Zuruf  links);

das  wird  Ihnen  der  Herr  Kriegsminister  in  der  nächsten  Sitzung  darlegen.
Wenn  aber  gefragt  worden  ist,  warum  der  Reichskanzler  Seine  Majestät
den  Kaiser  nicht  früher  informiert  habe,  so  erwidere  ich,  daß  mir  etwas
Tatsächliches  oder  auch  nur  Greifbares  erst  im  Frühjahr  dieses  Jahres  zur
Kenntnis  gebracht  worden  ist.  Man  hat  gesagt,  warum  Seiner  Majestät
dem  Kaiser  nicht  wenigstens  die  Artikel  der  „Zukunft“  vorgelegt  wären,
wo  gegen  gewisse  dem  Hofe  nahestehende  Persönlichkeiten  schwere  Anschuldigungen
  erhoben  wurden.  Meine  Herren,  das  zu  tun,  war  der  dem  Throne
nächststehende  hohe  Herr  wohl  berechtigt.  Der  Kronprinzerfüllte  einen  Aktder
Pietät  gegen  seinen  Kaiserlichen  Vater,  er  handelte  im  Interesse  des  Landes,
als  er  die  Aufmerksamkeit  des  Vaters  auf  diese  Angriffe  lenkte.  Seine  Handlung
  war  keine  offizielle,  kein  Staatsakt.  Ein  verantwortlicher  Minister  be-5•

