November  1907.  69

großen  Verbreitung  des  Leipziger  Blattes  wollte  ich  nicht,  daß  der  Irrtum
sich  zur  Legende  auswachse,  wie  mir  das  schon  wiederholt  passiert  ist.  Man
hat  mir  ja  mehrmals  Außerungen  in  den  Mund  gelegt,  die  ich  niemals  getan
habe,  deren  Sinn  und  Tendenz  mir  sogar  immer  vollkommen  fern  gelegen
haben;  ich  erinnere  nur  an  das  mir  angedichtete  Wort:  „Nur  keinc  inneren
Krisen!“  Ich  wollte  also  nicht  in  den  Augen  tausender  gebildeter  Leser  im
Lichte  der  Unkenntnis  historischer  Vorgänge  dastehen.  Darum  schrieb  ich
an  den  Rand  des  betreffenden  Zeitungsausschnitts  —  ich  habe  ihn  hier  und
finde  ihn  wohl  nachher  —:  „Unsiun;  habe  ich  nie  gesagt!  Vide  meine  Rede
vom  so  und  so  vielten:  sofort  dementieren!“  Auf  diese  einfache  Weise  ist
jene  Notiz  in  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung"  entstanden.  Als
dann  der  Versuch  gemacht  wurde,  einen  Zusammenhang  zu  kounstruieren
zwischen  dieser  Notiz  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“  und  den
Angriffen  gegen  den  Fürsten  Eulenburg,  hat  die  „Norddeutsche  Allgemeine
Zeitung“  verschiedene  Artikel  anderer  Zeitungen  abgedruckt,  in  denen  ganz
zutreffend  ausgeführt  wurde,  daß  ein  solcher  Zusammenhang  nicht  bestehe,
und  daß  der  Reichskanzler  lediglich  die  Vaterschaft  eines  unhistorischen
Wortes  abgewehrt  habe.

Was  nun  die  Gegenwart  angeht,  die  Zeit  Kaiser  Wilhelm  II.,  so  kann
ich  nur  wiederholen,  was  ich  vor  einem  Jahre  gesagt  habe,  nämlich,  daß  ich
es  für  unbillig  und  ungerecht  halte,  von  einem  Ring  unverantwortlicher
Ratgeber  um  unseren  Kaiser  zu  sprechen.  Meine  Herren,  Versuche  einzelner,
Einfluß  zu  gewinnen,  die  kommen  überall  vor

(sehr  richtig!),

in  jeder  Fraktion,  in  jeder  Familic,  in  jeder  Firma,  in  jeder  Fabrik,  überall
da,  wo  man  sich  bemüht,  irgend  eine  maßgebende  Person,  mag  sie  nun
Fraktionsvorstand  oder  Familienvater,  Industrieller  oder  Gutsbesitzer  sein,
in  der  einen  oder  anderen  Richtung  zu  beeinflussen.  Als  unser  Kaiser  vor
einigen  Jahren  den  verdienstvollen  Leiter  der  Hamburg-Amerika-Linie,  Herrn
Ballin,  einige  Male  bei  sich  sah,  sprach  man  von  einer  Ballin-Kamarilla.

(Heiterkeit.)

Nun  denke  ich  nicht  daran  zu  leugnen,  daß  höfische  Kamarillen  in  der
Vergangenheit  an  Höfen  vielen  Schaden  angerichtet  haben,  von  Tiberius
mit  seinem  Sejan  bis  zur  Favoritenwirtschaft  des  vorigen  Jahrhunderts.
Aber  wie  muß  ein  Monarch  beschaffen  sein,  unter  dem  eine  Kamarilla  sich
entwickeln  und  Einfluß  gewinnen  kann?  —  denn  eine  einflußlose  Kamarilla
ist  ja  überhaupt  keine  Kamarilla.  Die  erste  Voraussetzung  für  das  Gedeihen