72  7.  Marokko.

Ich  habe  mich  also  lediglich  gegen  den  Versuch  gewendet,  aus  dem  Artikel
der  „Norddeutschen  Allgemeinen“  zu  deduzieren,  daß  ich  den  Kamarillatratsch
  aufgebracht  oder  gefördert  hätte.

Endlich  hat  der  Herr  Abgeordnete  Spahn  noch  gemeint,  er  habe  nicht
von  der  Ehre  des  ganzen  Offiziersstandes  gesprochen,  sondern  immer  nur
von  einzelnen  Personen.  Diese  durchaus  richtige  und  notwendige  Unterscheidung
  kam  in  den  ersten  Ausführungen  des  Herrn  Abgeordneten  Spahn
nach  meiner  Empfindung  nicht  deutlich  genug  zum  Ausdruck.  Das  hat
mich  zur  Abwehr  genötigt.

Ich  will  jetzt  eingehen  auf  einige  Fragen  der  auswärtigen  Politik,
die  der  Herr  Vorredner,  der  Fürst  v.  Hatzfeldt,  am  Schlusse  seiner  Ausführungen
  berührt  hat.  Auf  unsere  innere  Politik,  auf  Block  und  Blockpolitik
hoffe  ich  Gelegenheit  zu  finden,  im  weiteren  Verlaufe  der  Debatte  morgen
oder  am  Montag  zurückzukommen.

Seitdemich  mich,  meine  Herren,  zuletzt  an  dieser  Stelle  über  Marokko
ausgesprochen  habe!),  sind  neue  Unruhen  über  dieses  Land  gekommen.  Diese
Unruhen  haben,  wie  Sie  wissen,  in  Casablanca  einen  besonders  ernsten
Charakter  angenommen.  Eine  gewisse  Anzahl  im  Dienste  französischer
Unternehmer  stehender  Europäer,  in  ihrer  Mehrheit  Franzosen,  sind  dem
Fanatismus  einer  erregten  Volksmenge  zum  Opfer  gefallen.  Es  ist  möglich,
daß  diese  üblen  Ereignisse  nicht  eingetreten  wären,  wenn  die  in  der  Algecirasakte
  vorgesehene  Polizeitruppe  im  Juni  bereits  in  Arbeit  gewesen  wäre.
Ex  post  solche  Betrachtung  anzustellen,  ist  freilich  müßig.  Wie  die  Verhältnisse
  lagen,  blieb  der  französischen  Regierung  wohl  nichts  anderes  übrig,
als  zur  Selbsthilfe  zu  schreiten.  Spanien  als  minder  schwer  verletzter  Partner
ist  in  enger  gezogenen  Grenzen  mit  Frankreich  gegangen.  Ich  erkenne  es
mit  Dank  an,  daß  die  spanische  wie  die  französische  Regierung  uns  rechtzeitig
  von  der  von  ihnen  beabsichtigten  Aktion  in  Kenntnis  gesetzt  haben.
Daß  wir  dieser  Aktion  keine  Hindernisse  in  den  Weg  legten,  war  selbstverständlich,
  ebenso  selbstverständlich,  daß  diese  Aktion  sich  unter  der  alleinigen
Verantwortung  der  beteiligten  Mächte  vollzog  und,  da  sie  nicht  inden  Rahmen
der  Algecirasakte  gehörte,  auch  die  Verantwortlichkeit  der  anderen  Mächte
nicht  berührte.  Daraus  folgt  für  uns  die  Pflicht  strenger  Zurückhaltung,  die
ich  auch  darin  beobachten  will,  daß  ich  mich  von  dieser  Stelle  über  Einzelheiten
  des  Vorgehens  in  Casablanca  nicht  ausspreche.  Leider  hat  diese
Aktion  auch  zu  einer  Schädigung  deutscher  wirtschaftlicher  und  sonstiger

1)  Der  Reichskanzler  hatte  am  30.  April  1907  zuletzt  über  Marokko  gesprochen.
S.  oben  S.  38.