76  7.  Einkreisungsgefahr.

Feindschaften  anderer  unter  einander  können  wir  nicht  leben.  Was  damals
bevorstand,  ist  inzwischen  Tatsache  geworden.  Das  Abkommen  hält  sich  in
den  Grenzen,  die  ich  damals  voraussetzte.  So  ist  auch  meine  Auffassung  die
gleiche  geblieben  und  namentlich  mit  bezug  darauf,  daß  das  Abkommen
keine  Spitze  gegen  Deutschland  enthält,  durch  die  inzwischen  erfolgten  Be—
gegnungen  von  Swinemünde  und  Wilhelmshöhe  und  durch  den  Kaiser—
besuch  in  England  noch  bestärkt  wordent).  Auf  die  auch  hier  erörterte  Frage,
wer  von  den  beiden  Paziszenten  bei  dem  Abkommen  das  bessere  Geschäft
gemacht  habe,  kann  ich  mich  nicht  einlassen.  Das  liegt  in  der  Zukunft,  und  ich
glaube,  die  Rolle  des  ruhigen  Beobachters  ist  derjenigen  des  Propheten
vorzuziehen.

Auch  auf  die  vielbesprochene  Einkreisungsgefahr  will  ich  mich
nicht  einlassen.  Ich  könnte  nur  wiederholen,  was  ich  schon  früher  gesagt
habe.  Ich  denke,  wir  sind  alle  der  Ansicht,  die  beste  Politik  bleibt:  auf  dem
Posten  zu  sein,  wachsam  zu  sein  und  furchtlos.

(Lebhaftes  Bravol)

Ich  denke,  wir  halten  es  alle  mit  dem  tapferen  Schwaben  —  der  tapfere
Schwabe  forcht  sich  nit  —  und  reiten  unseres  Weges  Schritt  vor  Schritt.

(Bravol)

Ich  will  aber  auch  von  dieser  Stelle  aus  meiner  Befriedigung  Ausdruck
geben  über  die  Aufnahme,  welche  unserem  Kaiserpaar  in  Eugland  von  König
und  Volk  bereitet  ist.

(Bravol)

Ich  glaube,  wenn  in  der  Zukunft  einmal  an  der  Hand  der  Quellen  aktenmäßig
  und  wahrheitsgemäß  die  Geschichte  der  letzten  zehn  Jahre  geschrieben
wird,  so  wird  sich  herausstellen,  daß  die  Spannung  zwischen  Deutschland  und
England,  die  lange,  zu  lange  auf  der  Welt  gelastet  hat,  im  letzten  Ende  zurück
zuführen  war  auf  ein  großes  gegenseitiges  Mißverständnis.  Jeder  traute
dem  anderen  Absichten  und  Hintergedanken  zu,  die  in  Wirklichkeit  gar  nicht
bestanden.  Um  diese  Mißverständnisse  zu  beseitigen,  um  das  aus  diesen  Mißverständnissen
  resultierende  Mißtrauen  aus  dem  Wege  zu  räumen,  dazu
reichten  die  beiden  Regierungen  nicht  aus,  wenn  sie  auch  von  gutem  Willen
erfüllt  waren.  Die  öffentliche  Meinung  mußte  mithelfen,  die  Presse,  wohlgesinnte
  und  einsichtige  Leute  in  beiden  Ländern.  Daß  die  Freunde  des

1)  Begegnung  des  deutschen  Kaisers  mit  dem  Zaren  in  Swinemünde  am  3.  bis
6.  August  1907,  mit  dem  König  von  Eugland  in  Wilhelmshöhe  am  11.  August,  Besuch
des  Kaisers  in  England  10.  November  bis  12.  Dezember.