November  1907.  93

Aber  blicken  Sie  über  die  Grenze  nach  Osterreich,  so  sehen  Sie,  wohin  eine
große  Partei  kommen  kann,  wenn  sie  der  uns  Deutschen  nun  einmal  innewohnenden
  Neigung  zu  Eigenbrödelei,  zu  Kritik  und  Rechthaberei  zu  sehr
nachgibt,  wenn  sie  versäumt,  den  rechten  Augenblick  beim  Schopfe  zu  er—
greifen.  Die  traurige  Geschichte  jener  von  edelsinnigen  Führern  geleiteten
und  von  einem  hohen  idealistischen  Schwunge  getragenen  Partei  der  Deutschliberalen
  in  Osterreich,  der  „Herbstzeitlosen“,  wie  Fürst  Bismarck  sie  mit
grausamen  Spotte  naunte,  sollte  jedem  deutschen  Liberalen  als  warnendes
Beispiel  vor  Augen  stehen.  Ebenso  beredt  zeigt  die  Geschichte  konservativer
Parteien  namentlich  in  romanischen  und  slavischen  Ländern,  wohin  konservative
  Fraktionen  gelangen,  die  sich  den  Forderungen  der  Zeit  verschließen.
Und  in  diesem  Zusammenhange  sei  es  mir  gestattet,  eine  persönliche  Reminiszenz
  zu  erwähnen.  Fürst  Bismarck  sagte  mir  einmal  in  einem  Gespräch
über  die  konservative  Partei,  und  indem  er  dem  Wunsche  Ausdruck  gab,  daß
der  Einfluß  dieser  Partei  auf  unsere  Gesetzgebung  ein  kräftiger  bleiben
möge,  das  geniale  Wort:  agrarisch  müssen  die  Konservativen  bleiben;  den
tellurischen  Zug  —  so  drückte  sich  Fürst  Bismarck  aus  —  dürfen  die  Konservativen
  nicht  aufgeben;  im  übrigen  müssen  die  Konservativen  recht  modern
sein  und  weitherzig,  wie  sic  es  in  England  gewesen  sind,  zum  eigenen  Nutzen
und  zum  Nutzen  des  Landes.

Ich  glaube,  meine  Herren,  daß  man  auf  beiden  Seiten  auch  den  eigenen
Interessen  dient,  wenn  der  Parteiegoismus  gezügelt  wird.  Die  Bahn
ist  frei!  Was  von  meiner  Seite  geschehen  konnte,  um  die  Bahn  frei
zu  machen,  ist  geschehen.  Ich  glaube,  daß  selbst  in  Deutschland,  wo  man  im
allgemeinen  gewöhnt  ist,  alle  Schuld  auf  die  Regierung  zu  schieben  und  oft
in  beinahe  naiver  Weise  alles  von  oben  zu  erwarten,  doch  bei  allen  verständigen
  Leuten  darüber  Ubereinstimmung  herrschen  wird,  daß  die  Regierung
  diesmal  das  Ihrige  getan  hat,  damit  mit  dem  Block  regiert  werden
kann.  Jetzt  ist  es  an  den  Parteien,  zu  zeigen,  was
sie  können.  Wenn  die  Parteien  verständig  sind,
wenn  sie  verträglich  sind,  wenn  sic,  statt  Sonderwege
  einzuschlagen,  die  in  den  Sumpf  führen,
zum  Ganzen  streben,  so  wird  uns  in  Deutschland
cine  Zeit  ruhiger  Entwicklung  und  fruchtbarer
Arbeit  bevorstehen.

Gegenüber  dem  Spott,  der  vielfach  an  dem  Worte  von  der  konservativliberalen
  Paarung  geübt  worden  ist,  aber  möchte  ich  Ihnen  zum  Schluß  ein
Erlebnis  erzählen,  das  zu  den  tiefsten  und  dauerndsten  Eindrücken  meines
Lebens  gehört.  Als  ich  im  Sterbezimmer  des  Fürsten  Bismarck  stand,  diesem