94  9.  Allgemeines  Wahlrecht  in  Preußen.

einfachen  und  schniucklosen  Zimmer  im  Sachsenwalde,  fiel  mein  Blick  auf
ein  Bild,  das  einzige  Bild,  das  an  der  Wand  hing.  Es  war  ein  Holzschnitt,
es  war  das  Bild  von  Ludwig  Uhland.  Der  Sänger  des  alten  guten  Rechts,
der  Mann,  der  in  der  Frankfurter  Paulskirche  gesagt  hatte:  es  wird  kein
Haupt  über  Deutschland  leuchten,  das  nicht  mit  einem  reichlichen  Tropfen
demokratischen  Ols  gesalbt  ist,  —  schaute  hinüber  nach  dem  Lager,  wo  der
große  Mann  der  Tat  verschieden  war,  der  dem  deutschen  Volke  den  Traum
der  Jahrhünderte  erfüllt  hatte.  Die  ganze  deutsche  Geschichte  sprach  aus
diesem  Gegenüber,  und  nur  die  Verbindung  von  altpreußischkouservativer
  Tatkraft  und  Zucht  mit  deutschem,
meitherzigen  liberalen  Geiste  kann  die  Zukunft
der  Nation  zu  einer  glücklichen  gestalten.

(Lebhafter,  anhaltender  Beifall  rechts  und  links.)

Am  3.  Dezember  griff  der  Abgeordnete  Paasche  den  Finanzminister  und  dann
besonders  den  Kriegsminister  an  wegen  seiner  Haltung  im  Falle  Lynar-Hohenau.  Dieser
Angriff  machte  großes  Aufsehen.  Deshalb  #)  begab  sich  der  Reichskanzler  am  4.  Dezember
vor  Eröffnung  der  Sitzung  nach  dem  Reichstage,  wo  er  die  Führer  der  Mehrheitsparteien
zu  einer  Besprechung  bitten  ließ.  Den  Anlaß  dazu  boten  dem  Reichskanzler  die  Vorgänge
der  Sitzung  vom  Tage  vorher.  Es  erschien  aussichtslos,  die  Geschäfte  im  Sinne  der  am  13.Dezember
  v.  J.  inaugurierten  Politik  zu  führen,  wenn  die  zum  Zusammenwirken  berufenen
Parteien  in  ihrem  parlamentarischen  Auftreten  nach  dem  tags  vorher  gegebenen  Beispiel
  fortfahren  würden,  gegencinander  oder  gegen  die  Regierung  zu  kämpfen.  Infolgedessen
wurde  die  Sitzung  vom  4.  Dezember  nach  einer  gegen  die  Bemerkungen  des  Abgeordneten
Paasche  gerichteten  Rede  des  Kriegsministers  v.  Einem  abgebrochen  und  vertagt.  Am  folgenden
  Tage  (5.  Dezember)  erklärten  sodann  die  Führer  der  Blockparteien,  die  Blockpolitik
des  Reichskanglers  weiter  mitmachen  und  unterstützen  zu  wollen.

9.  Allgemeines  Wahlrecht  in  Preußen.

Sitzung  des  Abgeordnetenhauses  vom  10.  Januar  1908.

Am  10.  Jannar  1908  stand  im  Abgeordnetenhause  der  Antrag  Aronsohn  zur  Beratung
  auf  Einführung  des  allgemeinen,  gleichen  und  direkten  Wahlrechts  mit  geheimer
Stimmabgabe  für  die  Wahlen  zum  Abgcordnetenhause,  sowie  auf  anderweite  Feststellung
  der  Wahlbezirke.  Nach  der  Begründung  durch  den  Abgeordneten  Träger
ergriff  der  Reichskanzler  sogleich  das  Wort.

1)  Nach  der  Meldung  der  „Nordd.  Allgem.  Zeitung“.