102  12.  Die  Enteignung  im  Herrenhause.

12.  Die  Cuteigunug  im  Herrenhanse.
Sitzungen  vom  30.  Januar  und  vom  26.  und  27.  Februar  1908.

Das  Abgeordnetenhaus  hatte  am  18.  Januar  den  Entwurf  eines  Gesetzes  über
Maßnahmen  zur  Stärkung  des  Deutschtums  in  den  Provinzen  Westpreußen  und  Posen
mit  Abänderungen,  denen  die  Regierung  zugestimmt  hatte,  in  dritter  Lesung  angenommen.
  Am  30.  Januar  1908  kam  der  so  gestaltete  Entwurf  im  Herrenhause  zur  Beratung.
  Der  erste  Redner,  Kardinal  Dr  von  Kopp,  hatte  ausgeführt,  daß  die
Regierung  mit  ihrer  Vorlage  nicht  den  beabsichtigten  Zweck  erreichen  würde,  und
der  Befürchtung  Ausdruck  gegeben,  daß  die  vorgeschlagenen  Maßnahmen  das  kirchliche
  Eigentum  und  die  kirchliche  Steuerkraft  gefährden  würden.  Darauf  antwortete
der  Reichskanzler.

Ministerpräsident  Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  wic  wir  alle,  stehe  auch  ich  unter  dem  Eindruck  der
ernsten  Worte,  die  wir  soeben  von  meinem  hochverehrten  Herrn  Vorredner
  gehört  haben.  Auf  manche  seiner  Bedenken  werden  meine  Kollegen
und  ich  im  Laufe  der  Debatte  noch  zurückkommen.  Nur  das  eine  will  ich
sofort  sagen:  Seitdem  ich  an  dieser  Stelle  stehe,  bin  ich  stets  der  Vertreter
einer  gerechten,  einer  paritätischen  Politik  in  allen  konfessionellen
  Fragen  gewesen.  Ich  glaube,  daß  ich  niemals  wohlerworbenen
Rechten  der  katholischen  Kirche  zu  nahe  getreten  bin,  daß  ich  niemals  Gefühle
  unserer  katholischen  Mitbürger  verletzt  habe.  Diesen  meinen  Grundsätzen
  werde  ich  selbstverständlich  immer  treu  bleiben,  und  ich  werde  dafür
sorgen,  daß  bei  der  Ausführung  des  vorliegenden  Gesetzes  diese  Grundsätze
  auf  das  gewissenhafteste  beobachtet  werden.

Über  die  Vorlagc,  die  uns  heute  beschäftigt,  habe  ich  mich  bereits  vor
dem  anderen  Hause  des  Landtags  eingehend  ausgesprochen.  Ich  halte  mich
trotzdem  für  verpflichtet,  auch  vor  diesem  Hohen  Hause  die  Gründe,  die
schwerwiegenden  Gründe  darzulegen,  welche  die  Königliche  Staatsregierung
zur  Einbringung  dieser  Vorlage  veranlaßt,  ich  kann  wohl  sagen,  gezwungen
haben.  Es  handelt  sich  im  letzten  Ende  um  die  Frage:  soll  unsere
Ostmark  deutsch  oder  polnisch  werden?  Meine  Herren,
es  hilft  uns  nichts,  wir  können  uns  nicht  um  diese  Frage  herumdrücken,  wir
müssen  dieser  Frage  ins  Gesicht  sehen,  wir  dürfen  uns  nicht  darüber  täuschen,
daß  die  großpolnische  Agitation  zielbewußt  dahin  strebt,  einen  Staat  in
unserem  Staate  zu  bilden.  Ich  kann  mich  enthalten,  Ihnen  die  großartige
Entwicklung  des  auf  streng  nationaler  Grundlage  aufgebauten,  einheitlich
geleiteten  polnischen  Vereins=  und  Genossenschaftswesens  nochmals  vorzuführen.
  Ich  will  auch  die  immer  schärfer,  immer  schroffer  hervortretende
Absonderung  der  Polen  von  den  Deutschen  nicht  nochmals  schildern.  Ich
frage  nur:  Können  wir  zwei  Provinzen  entbehren,  von  denen  die  eine