Januar  1908.  103

18  Meilen  von  Berlin  ihren  Anfang  nimmt?  Es  ist  kein  Zweifel,  unsere
Ostmark  bildet  eine  pars  minoris  resistentiae  in  unserm  Staatskörper.  Wir
dürfen  nicht  warten,  bis  hier  eine  schwere  akute  Erkrankung  zu  unheilbarem
Schaden  führt,  sondern  wir  müssen  rechtzeitig  die  rechte  Kur  anwenden
und  dem  nationalen  Zellgeweboe  an  dieser  Stelle  dic  richtige  Zusammensetzung
geben.

Unsere  bisherigen  Erfahrungen  zeigen,  daß  die  von  König  Friedrich
dem  Großen,  von  Flottwell,  vom  Fürsten  Bismarck  eingeschlagene  Ostmarkenpolitik
  die  richtige  war,  dic  im  der  Einführung  und  Ansiedlung  deutscher
Landwirte,  deutscher  Bauern  gipfelte.  Auf  die  Einführung  und  Befestigung
des  deutschen  Elements  lege  ich  dabei  das  Hauptgewicht,  nicht  auf  die  Verdrängung
  der  Polen.  Ich  halte  die  Polen  für  befähigt,  sehr  nützliche  preußische
  Staatsbürger  zu  werden,  wenn  sie  sich  nur  erst  vorbehaltlos  und  für
immer  als  Angehörige  unseres  Staatswesens  bekennen.  Wir  wollen
die  Polcn  weder  vertreiben,  noch  ausrotten,  noch
proletarisieren.  Wenn  das  Gegenteil  in  der  Presse  und  in  Versammlungen
  behauptet  worden  ist,  so  berufe  ich  mich  auf  das,  was  die  preußische
  Monarchie  während  eines  Jahrhunderts  aus  ihren  polnischen  Untertanen
  gemacht  hat,  die  sie  in  ziemlich  verwahrlostem  Zustand  übernommen
hatte.

Was  nun  die  Ansiedlungskommission  für  die  Mehrung  und  Stärkung
des  Deutschtums  in  den  gemischtsprachigen  Landesteilen,  für  die  gesamte
wirtschaftliche  und  nationale  Entwicklung  unserer  östlichen  Provinzen  geschaffen
  und  erreicht  hat,  darüber  hat  Sie  gerade  in  der  letzten  Zeit  die  Königliche
  Staatsregierung  mit  eingehenden  Mitteilungen  versehen.  Ich  verweise
in  dieser  Beziehung  auf  die  Denkschrift  der  Königlichen  Staatsregierung,
auf  die  Begründung  dieser  Vorlage  und  auf  meine  Ausführungen  im  anderen
Hause  des  Landtags.  Ich  brauche  deshalb  auf  Einzelheiten  hier  nicht  einzugehen.
  Nur  das  eine  will  ich  nochmals  betonen:  die  Ansiedlungskommission
hat  die  Erwartungen  erfüllt,  die  auf  sie  gesetzt  wurden.  Aber  eine  Kolonisation
  im  großen  Stile  kann  ihr  Ziel  nicht  in  zwei  Jahrzehnten  erreichen.
Das  eine  aber  ist  schon  jetzt  klar  und  in  der  Begründung  dieser  Vorlage
und  der  Denkschrift  eingehend  nachgewiesen:  endlich  beginnen  die  Hoffnungen
  sich  zu  erfüllen,  die  in  diesem  Hohen  Hause  vor  zweiundzwanzig
Jahren  mein  großer  Amtsvorgänger  Fürst  Bismarck  ausgesprochen  hat.
Er  sagte  damals:  wir  wollen  einen  Damm  deutscher  Ansiedler  dem  Polonisierungswerk
  entgegenwerfen  dadurch,  daß  wir  die  Zahl  der  Deutschen  in  den
östlichen  Provinzen  wesentlich  vermehren,  daß  wir  Maßnahmen  treffen,  um
uns  zu  schützen  gegen  die  Gefahr  der  Polonisierung.