108  12.  Die  Enteignung  im  Herrenhause.

Staaten  mit  Gewalt  aufzuzwingen.  Und  als  die  Legitimität  wieder  obenauf
kam,  1814,  verfiel  sie  in  den  gleichen  Fehler  und  versuchte  für  ihre  Grundsätze
  und  Prinzipien  dasselbe,  was  bekanntlich  zur  Gründung  der  heiligen
Alliance  und  zu  mancherlei  Interventionen  führte.

Heute  überwiegt  die  Ansicht,  daß  jeder  Herr  im  eigenen  Hause  ist,  seine
cigenen  Rechte  zu  wahren,  sich  aber  auch  nicht  in  die  inneren  Verhältnisse
anderer  Länder  einzumischen  hat.  Daran  wird  auch  im  allgemceinen  festgehalten.
  Nur  uns  gegenüber  glaubt  man  sich  hier  und  da  eine  Abweichung
von  diesem  Grundsatz  erlauben  zu  können.

(Sehr  wahrl)

Auch  andere  Länder  haben  im  Laufe  der  letzten  Jahrzehnte  manche  Masßnahmen
  getroffen,  die  nicht  allgemeinen  Anklang  in  der  Welt  fanden.  Ich
kann  mich  aber  nicht  erinnern,  daß  sie  deshalb  so  angegriffen  und  zur  Rechenschaft
  gezogen  wurden  wie  wir.  Ich  will  nicht  untersuchen,  inwieweit  das
eine  Folge  unserer  Geschichte,  unserer  vielfach  unglücklichen  Geschichte  ist,
die  so  oft  fremde  Einmischung  in  deutsche  Verhältnisse  gesehen  hat.  Ich
will  nur  feststellen,  daß  aulläßlich  dieser  Vorlage  fremde  Schriftsteller,  fremde
Dichtert)  und  Künstler,  deren  Ruf  unsere  Bühnen  gemacht  haben,

(sehr  gut!)

deren  Renommee  unsere  Kritiker  verbreitet  haben,  sich  uns  gegenüber  Angriffe
  herausgenommen  haben,  die  sie  sich  anderen  gegenüber  nicht  leisten
würden.  Wer  den  Dingen  auf  den  Grund  geht,  kann  sich  nicht  verhehlen,
daß  an  solchen  Erscheinungen  wir  selbst  einen  Teil  der  Schuld  tragen,  die
wir  alles  Fremde  so  gern  bewundern  und  so  hoch  stellen,  vor  Fremdem  gerne
platt  auf  dem  Bauche  liegen,

(Heiterkeit)
aber  alle  Schärfen  und  Schrullen  unserer  Kritik  für  die  eigenen  Verhältnisse
und  die  eigenen  Männer  reservieren.  Es  ist  gut,  jedes  Wetterzeichen  am
Horizont  der  auswärtigen  Politik  zu  beachten  und  namentlich  jedes  Wetterleuchten
  —  was  ich  da  sage,  sage  ich  selbstverständlich  nicht  für  den  Herrn
Grafen  Mirbach,  sondern  für  jenen,  freilich  geringen  Teil  unserer  Presse,
der  auläßlich  dieser  Vorlage  mit  dem  Auslande  operiert  —  es  ist  gut,  jedes
Wetterzeichen  am  Horizonte  der  auswärtigen  Politik  zu  beachten  und
namentlich  jedes  Wetterleuchten.  Aber  vor  jedem  Stirurunzeln  des  Auslandes
  zu  erbeben,  ist  nicht  die  Art  großer  Völker.

(Bravol)

1)  Vornehmlich  Henryk  Sienkiewicz.