110  12.  Die  Enteignung  im  Herrenhause.

Die  Unhaltbarkeit  der  bestehenden  Zustände  wird  ziemlich  allgemein  an—
erkannt,  aber  ein  praktischer  und  gangbarer  Weg  zu  ihrer  Besserung  wird
nicht  gezeigt.
(Sehr  richtig!)

Die  Königliche  Staatsregierung  fordert  die  Enteignung,  weil  sie  diese  für
ein  zwar  scharfes,  aber  für  das  allein  wirksame  Mittel  hält.  Ihre  Kommission
hat  in  ihrer  Mehrheit  auerkannt,  daß  die  Enteignung  notwendig  ist,  sic  hat
diese  Maßregel  aber  so  beschränkt,  daß  ihre  Wirksamkeit  darunter  leidet.
Greift  man  aber  zu  einer  Ausnahmemaßregel,  zu  einer,  wie  ich  vollkommen  zugebe,
  harten  Maßregel,  so  muß  man  auch  des  vollen  Erfolges  sicher  sein  und
darf  die  Maßnahme  nicht  so  sehr  abschwächen,  daß  das  Odium  bleibt,  die
Wirkung  aber  ausbleibt  und  die  Maßnahme  versagt.

(Sehr  gut!  Bravol)

Meine  Herren,  seitdem  ich  Ministerpräsident  bin,  bin  ich  in  der  Ostmarkenfrage
  den  Traditionen  des  Fürsten  Bismarck  gefolgt,  habe  ich  in  der
Ostmarkenfrage  an  den  Traditionen  des  Fürsten  Bismarck  festgehalten.
Herr  Freiherr  von  Lueius  hat  uns  soeben  auseinandergesetzt,  er  glaube  nicht,
daß  man  den  Fürsten  Bismarck  als  Zeugen  für  die  Enteignung  anrufen  könnte.
Ja,  meine  Herren,  wie  sich  Fürst  Bismarck  zu  dieser  Maßnahme  stellen  würde,
wenn  er  noch  unter  den  Lebenden  weilte,  das  kann  heute  niemand  mit  Bestimmtheit
  sagen.  Ich  bin  aber  überzeugt,  auf  Grund  so  vieler  Auslassungen
des  Fürsten  Bismarck,  auf  Grund  so  vieler  Reden,  die  er  gehalten  hat,  auch
in  diesem  Hohen  Hause,  auf  Grund  alles  dessen,  was  er  nach  seinem  Rücktritt
zürnend  und  mahnend  gerade  über  die  Ostmarkenfrage  gesagt  hat,  auf  Grund
der  ganzen  Ostmarkenpolitik,  an  der  Fürst  Bismarck  stets  festgehalten  hat,  —
daß  wir  ihn  heute  unter  denen  sehen  würden,  die  für  die  Enteignung  eintreten.
  Wie  Fürst  Bismarck  Gefahren,  die  dem  deutschen  Volke  drohten,
meist  früher  und  schärfer  zu  erkennen  pflegte  als  anderc,  so  hat  er  auch  den
ganzen  Ernst  des  Ostmarkenproblems  tiefer  erkannt  als  die  meisten  seiner
Zeitgenossen.  Nachdem  die  preußische  Politik  diesem  Problem  Jahrzehnte
lang  schwächlich  und  schwankend  gegenüber  gestanden  hatte,  hat  Fürst  Bismarck
  in  einer  planmäßigen  Ansiedlung  deutscher  Bauern  uns  den  Weg  gewiesen,
  auf  dem  sich  die  Stellung  des  Deutschtums  im  Osten  behaupten
läßt.  Diese  Ansiedlungspolitik  fortzusetzen,  habe  ich  als  ein  uns  überkommenes
  Vermächtnis  des  ersten  Kanzlers  angesehen.  Auf  diesem  Wege  dürfen
wir  nicht  vor  dem  ersten  Hindernisse  Halt  machen,  nicht  vor  dem  ersten  Hindernis
  zurückweichen.  Auf  diesem  Wege  dürfen  wir  uns  nicht  scheuen,  wenn  es
nottut,  die  konsequente  und  zähe  Energie  zur  Anwendung  zu  bringen,  die