116  13.  Marokko  und  Mazedonien.

starke  Vorbehalte  hinsichtlich  der  Zweckmäßigkeit  der  militärischen  Operationen
  Frankreichs  gemacht  und  Bedenken  darüber  geäußert  haben,
ob  das  frauzösische  Vorgehen  vereinbar  sei  mit  Wortlaut  und  Geist  der
Algecirasakte.

Es  ist  gewiß  richtig,  meine  Herren,  daß  die  Algecirasakte  alle  Beteiligten
  gleich  bindet.  Es  ist  weiter  richtig,  daß  wir  im  Interesse  unseres
Handels  darauf  zu  achten  haben,  daß  dic  wirtschaftliche  Gleichberechtigung
nicht  verletzt,  und  daß  unsere  wirtschaftlichen  Interessen  in  Marokko  nicht
mißachtet  werden.  Die  Wichtigkeit  dieser  Interessen  ist  von  allen  Herren,
auch  von  dem  Herrn  Abgeordneten  Bebel  betont  worden.  Auf  der  anderen
Seite  läßt  sich  nicht  verkennen,  daß  die  Ausführung  wichtiger  Bestimmungen
der  Algecirasakte  durch  die  Unruhen  in  Marokko  und  durch  die  dortigen
Thronstreitigkeiten  gehemmt  worden  ist.  Die  französische  Regierung  kann
sich  nicht  darüber  beklagen,  daß  wir  in  Verkennung  dieser  Umstände  die
Algecirasakte  in  kleinlicher  oder  engherziger  Weise  ausgelegt  hätten.

(Sehr  richtig!)
Wir  wollen  das  auch  künftig  nicht  tun,  erwarten  aber  auch,  daß  man  in

Frankreich  die  Akte  in  dem  gleichen  friedlichen  und  freundlichen  Geiste
beobachtet  und  ausführt.

(Lebhafter  Beifall  auf  allen  Seiten.)

Meine  Herren,  auf  den  allgemeinen  Charakter  unserer  Marokkopolitik
brauche  ich  heute  nicht  näher  einzugehen,  nachdem  ich  mich  hierüber  wiederholt
  eingehend  ausgesprochen  habe.  Uber  einzelne  Punkte,  die  in  der
Debatte  zur  Sprache  gebracht  worden  sind,  wird  sich  mein  Nachbar,  der
Herr  Staatssekretär  v.  Schoen,  äußern.

Ich  möchte  mich  jetzt  zu  Mazedonien  wenden  und  zu  einigen
Fragen,  die  mit  Mazedonien  in  Zusammenhang  stehen.  Man  hat  die
Lage  der  Dinge  in  Mazedonien  mit  einem  Brandherd  verglichen,  den  außer
dem  Landesherrn  sechs  große  Mächte  zu  löschen  sich  bemühten  —  ohne
Erfolg,  weil  von  außen  immer  neue  Scheite  ins  Feuer  geworfen  würden.
In  der  Tat  liegt  der  Grund  des  Ubels  nicht  ausschließlich  und  nicht  einmal
überwiegend  in  dem  Gegensatz  zwischen  Christen  und  Mohammedanern,
sondern  mehr  noch  in  den  erbitterten  Kämpfen  der  verschiedenen  christlichen
  Nationalitäten  untereinander,  von  denen  sich  jede  die  Suprematie
in  Mazedonien  und  für  den  Fall  der  Beseitigung  der  Oberhoheit  der  Pforte
einen  möglichst  großen  Anteil  des  Gebiets  sichern  möchte.

Gegenüber  diesem  trüben  tatsächlichen  Zustande  bildet  der  Grundsatz
der  Aufrechterhaltung  des  status  quo  den  Einigungspunkt,  von  dem  aus