126  15.  Das  allgemeine  Wahlrecht.
Gott  und  Vaterland,  Monarchic  und  Familie,  Gesetz  und  Verfassung,
Ordnung  und  Privateigentum  angegriffen,  verhöhnt  und  untergraben
werden  dürfen?  Warum  soll  denn  gerade  das  Reichstagswahlrecht  ein
„Noli  me  tangere“  sein,  während  es  jedem  erlaubt  ist  und  sogar  von  jedem
erwartet  wird,  daß  er  das  preußische  Wahlrecht  herunterreißt?  Dabei:
haben  wir  beide,  dieses  hohe  Haus  und  ich,  kein  Bedenken  getragen,  das
Reichstagswahlrecht  umzumodeln,  wenn  uns  danach  gelüstete.  Ich  erinnere
  nur  an  das  sogenannte  Klosettgesetz,  an  die  Gewährung  der  Diäten,
an  die  Ausdehnung  der  Freifahrkarten.  Es  sind  mir  in  der  politischen
Tagesliteratur  auch  noch  andere  Vorschläge  begegnet,  z.  B.  die  Verlängerung
  des  notwendigen  Aufenthalts  am  Wahlort,  die  Hinaufsetzung  der
Altersgrenze.  Auch  von  Pluralstimmen  war  die  Rede.

(Zurufe  links.)

—  Ich  referiere  nur!  Aber  würde  mich  irgend  jemand  widerlegen  können,
wenn  ich  sagte,  daß  kaum  ein  anderes  Wahlsystem  auf  Reife  des  Urteils,
auf  geistige  Bildung,  auf  politische  Erfahrung  so  wenig  Rücksicht  nimmt
wie  das  gleiche  allgemeine  und  direkte  Wahlrecht?

(Zustimmung.)

Erst  kürzlich  habe  ich  einen  Artikel  gelesen,  der  das  Reichstagswahlrecht
hart  angriff,  weil  es  dem  vielverzweigten  Geistes=  und  Kulturleben  unserer
Zeit  nicht  gerecht  würde,  weil  es  den  verschiedenen  Ständen  und  Berufen
nicht  genügend  Rechuung  trüge.  Es  heißt  in  diesem  Artikel  —  mit  dem
ich  übrigens  weit  entfernt  bin  mich  zu  identifizieren  —:

Die  gesetzgebenden  Versammlungen  sind  zurzeit  die  Sammesstätten
des  Dilettantentums.  Es  gibt  auch  nicht  einen  Zweig  des  vielgestaltigen
Kulturlebens,  aus  dem  leitende  Männer  den  Weg  in  den  Reichstag
gefunden  haben.  Während  in  unserer  Zeit  alles  zur  Spezialisierung
drängt,  gelangt  man  in  den  Reichstag  auf  Grund  von  Reden  und
Programmen,  die  über  populäre  Schlagworte  nicht  hinausgehen
.....  So  ist  der  Reichstag  in  seiner  Zusammensetzung  wie  in
seiner  Wirksamkeit  nichts  weniger  als  ein  Ideal,  und  die  Vorgänge
bei  der  Wahl  entsprechen  der  mechanischen  Grobheit  des  ihr  zugrunde
liegenden  Prinzips  .  .  ...  Alle  Stände  und  alle  Berufe  organi—
sieren  sich  heutzutage.  Das  geschieht  immer  mehr,  je  mehr  sich  ihre
Interessen  spezialisieren.  Auf  dieser  Grundlage  baut  sich  mehr  und  mehr
unser  wirtschaftliches  und  soziales  Leben  auf.  Nur  unser  Wahlwesen
steht  außerhalb  dieser  Bewegung  und  ist  deshalb  veraltet.  Auf  diese