März  1908.  129

sie  braucht  eine  skrupellose  Agitation,  sie  weiß,  daß  ihr  nur  mit  dem  aller—
radikalsten  Wahlrecht  gedient  ist.  Weniger  verständlich  ist  mir  das  Eintreten
der  bürgerlichen  Linken  für  die  Einführung  des  Reichstagswahlrechts  in
Preußen.
(Lebhafte  Zustimmung  rechts.  —  Unruhe  links.)
Die  bürgerliche  Linke  kann  sich  doch  nicht  darüber  im  Zweifel  sein,  daß  die
Einführung  des  Reichstagswahlrechts  in  Preußen  nur  auf  ihre  Kosten  erfolgen
  kann.
(Erneute  lebhafte  Zustimmung  rechts.)
Darüber  muß  Sie  doch  die  Wirkung  des  Reichstagswahlrechts,  darüber  muß
Sie  die  Zunahme  der  Sozialdemokratie  in  den  großen  Städten  aufgeklärt
haben
(sehr  richtig!);
darüber  hat  Sie  auch  der  Herr  Abgeordnete  Bebel  aufgeklärt,  der  schon  Anfang
  der  neunziger  Jahre  in  diesem  hohen  Hause  der  bürgerlichen  Linken
zurief:  „Mit  dem  allgemeinen  gleichen  und  direkten  Wahlrecht  arbeiten  Sie
auf  Ihren  Untergang  hin!  Ich  sage  das  auf  die  Gefahr  hin“  —  fügte  der
Herr  Abgeordnete  Bebel  hinzu  —,  „daß  man  aus  meinen  Worten  Kapital
gegen  dieses  Wahlrecht  schlägt“.

Nun  weiß  ich  wohl,  meine  Herren,  daß  ein  Teil  der  bürgerlichen  Linken
so  kalkuliert:  gewiß,  bei  der  Einführung  des  allgemeinen  Wahlrechts  in
Preußen  werden  wir  zunächst  von  der  sozialdemokratischen  Flut  verschlungen
werden,  aber  das  ist  nur  ein  Ubergangsstadium,  die  Flut  wird  sich  verlaufen,
und  dann  wird  der  liberale  Weizen  blühen.  Ach,  meine  Herren,  die  Melodie
kenne  ich,  die  Theoric  kenne  ich;  die  ist  mir  auch  anderswo  begegnet,  z.  B.
in  Frankreich,  wo  man  sie  die  Theorie  de  la  mer  rouge  neunt,  die  Theorie
vom  Roten  Meere;  erst  kommt  das  Rote  Mcer  des  Radikalismus,  dann
gelangt  man  in  das  gelobte  Land,  wo  Milch  und  Honig  fleußt.

(Große  Heiterkeit.)
Das  Unglück  ist  nur:  wer  nicht  Moses  und  Aaron  zu  Führern  hat,  der  pflegt
im  Roten  Meere  zu  ersaufen.
(Stürmische  andauernde  Heiterkeit.)
Einstweilen,  meine  Herren,  hat  das  Streben,  gemeinsam  mit  der  Sozialdemokratie
  Stimmung  gegen  Preußen  in  der  Wahlrechtsfrage  zu  machen,
nur  einen  greifbaren  Erfolg  gehabt:  Spott  und  Hohn  der  Sozialdemokratic
  für  ihre  liberalen  Mitkämpfer.
(Sehr  richtig!)

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  9