130  15.  Das  allgemeine  Wahlrecht.

Weiter  ist  es  merkwürdig,  daß  in  den  Reden  für  die  Einführung  des
Reichstagswahlrechts  in  Preußen  meist  das  eine  übersehen  wird:  jede
radikale  Anderung  des  preußischen  Wahlrechts  führt  mit  zwingender  Notwendigkeit
  zu  der  Frage,  ob  dann  noch  das  Dreiklassenwahlrecht
  in  den  Kommunen  aufrecht  erhalten
bleiben  kann.

(Lebhafte  Zustimmung  rechts.)

Diese  Perspektive,  meine  Herren,  vor  der  eine  gewissenhafte  Regierung  die
Augen  nicht  verschließen  kann,  gestaltet  die  Reform  des  preußischen  Wahlrechts
  besonders  schwierig.  Gerade  im  Hinblick  auf  sie  müssen  alle  Vorschläge
  sorgsam  geprüft  werden.  Die  preußische  Städteordnung  begeht  in
diesem  Jahre  ihrc  Zentennarfeier.  Sie  hat  sich  —  das  müssen  wir  alle  anerkennen
  —  glänzend  bewährt.  Ich  bin  viel  herumgekommen.  Ich  kenne
kein  Land,  das  eine  so  integre,  tüchtige,  leistungsfähige  städtische  Verwaltung
hat  wie  dieses  Land.  Voll  bewährt  hat  sich  unsere  Kommunalverfassung
unter  einem  überwiegend  liberalen  Regiment,  das  fast  in  allen  großen
Kommunen  zur  Herrschaft  gelangt  ist.  Schon  darum  kann  sich  die  preußische
Regierung  nicht  leichten  Herzens  zu  einer  radikalen  Reform  des  preußischen
Landtagswahlrechts  entschließen,  die  eine  vollständige  Umwälzung  auf
kommunalpolitischem  Gebiete  nach  sich  ziehen  würde.  Stellen  Sie  sich  doch
nur  eine  Berliner  Stadtverordnetenversammung  vor,  die  aus  dem  gleichen
allgemeinen  Wahlrecht  hervorgegangen  wäre

(sehr  gut!  und  Heiterkeit  rechts),

und  dann  wünschen  Sie  noch,  daß  das  gewiß  mangelhafte  Dreiklassenwahl-=recht
  ersetzt  werden  soll  durch  ein  System,  das  in  mehr  als  einer  Kommune
die  Herrschaft  nur  einer  Partei  bedeuten  könnte,  die  die  unduldsamste  von
allen  Parteien  ist  und  gleichzeitig  die  Todfeindin  der  bürgerlichen  Gesellschaft
und  des  nationalen  Staates.

Und  nun,  meine  Herren,  das  geheime  Wahlrecht!  Weil  ich  das  nicht  in
Aussicht  stellen  konnte,  hat  sich  ein  wahrer  Sturm  erhoben.  In  Reden  und
Resolutionen  bin  ich  der  Wendung  begegnet:  Bülow  hat  dem  Liberalismus
ins  Gesicht  geschlagen!

Sehr  richtig!  links.)

Derselbe  Bülow,  der  in  einem  überwiegend  konservativen  preußischen  Abgeordnetenhause
  eine  gründliche  Reform  des  preußischen  Wahlrechts  in
Aussicht  gestellt  hat,  was  vor  wenigen  Jahren  manche  seiner  Tadler  gar  nicht
für  möglich  gehalten  haben!  Ich  habe  im  Reiche  das  geheime  Wahlrecht