134  16.  Die  Veröffentlichung  im  „Daily  Telegraph“.

16.  Die  Veröffeutlichung  im  „Daily  Telegraph“.
Sitzung  des  Reichstags  vom  10.  November  1908.

Am  10.  November  1908  standen  im  Reichstage  Interpellationen  zur  Beratung,
welche  die  sogenannte  „Daily-Telegraph“-Veröffentlichung  betrafen.  Am  28.  Oktober
hatte  das  Londoner  Blatt  „Daily  Telegraph“  einen  Artikel  gebracht,  in  welchem
eine  Anzahl  von  Außerungen  des  Kaisers  über  sein  Verhältnis  zu  England  wiedergegeben
  wurden,  die  bei  verschiedenen  Anlässen  und  gegenüber  verschiedenen
Personen  gefallen  waren.  Ein  englischer  Privatmann,  der  seinen  Landsleuten  beweisen
  wollte,  daß  der  deutsche  Kaiser  ein  warmer  Freund  Englands  sei,  hatte
diese  Außerungen  zu  einem  längeren  Artikel  verarbeitet  und  diesen  dem  Kaiser  mit
der  Bitte  vorgelegt,  die  Veröffentlichung  zu  genehmigen.  Der  Kaiser  ließ  den
Entwurf  an  den  Reichskanzler  gelangen,  der  ihn  dem  Auswärtigen  Amte  mit  der
Weisung  übersandte,  den  Artikel  einer  sorgfältigen  Prüfung  zu  unterziehen.  Da  das  Auswärtige
  Amt  Bedenken  nicht  erhob,  so  erfolgte  die  Veröffentlichung.  Der  Artikel  des  „Daily
Telegraph“  erregte  im  ganzen  deutschen  Volke  einmütige  Mißbilligung,  die  sich  erweiterte
  zu  einer  Kritik  an  dem  Eingreifen  des  Kaisers  in  die  auswärtige  Politik.  Der
Niederschlag  dieser  Volksstimmung  waren  fünf  Interpellationen  folgenden  Wortlautes:

1.  Bassermann:  Ist  der  Herr  Reichskanzler  bereit,  für  die  Veröffentlichung
einer  Reihe  von  Gesprächen  Sr.  Majestät  des  Kaisers  im  „Daily  Telegraph“  und  für
die  in  denselben  mitgeteilten  Tatsachen  die  verfassungsmäßige  Verantwortung  zu  übernehmen?


2.  Dr  Ablaß:  Durch  die  Veröffentlichung  von  Außerungen  des  Deutschen
Kaisers  im  „Daily  Telegraph“  und  durch  die  vom  Reichskanzler  veranlaßte  Mitteilung
des  Sachverhalts  in  der  „Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“  sind  Tatsachen  bekannt
geworden,  die  schwere  Mängel  in  der  Behandlung  auswärtiger  Angelegenheiten  bekunden
  und  geeignet  sind,  auf  die  Beziehungen  des  Deutschen  Reichs  zu  anderen  Mächten
ungünstig  einzuwirken.

Was  gedenkt  der  Herr  Reichskanzler  zu  tun,  um  Abhilfe  zu  schaffen  und  die  ihm
durch  die  Verfassung  des  Deutschen  Reiches  zugewiesene  Verantwortlichkeit  in  vollem
Umfange  zur  Geltung  zu  bringen?

3.  Albrecht:  Was  gedenkt  der  Herr  Reichskanzler  zu  tun,  um  Vorgänge  zu
verhindern,  wie  sie  durch  die  Mitteilungen  des  „Daily  Telegraph“  über  Handlungen
und  Außerungen  des  Deutschen  Kaisers  bekannt  geworden  sind?

4.  v.  Nurmann:  Ist  der  Herr  Reichskanzler  bereit,  nähere  Auskunft  zu  geben
über  die  Umstände,  die  zur  Veröffentlichung  von  Gesprächen  Sr.  Majestät  des  Kaisers
in  der  englischen  Presse  geführt  haben?

5.  Fürst  v.  Hatzfeldt-Freiherr  v.  Gamp:  Ist  der  Herr  Reichskanzler
  gewillt,  Vorsorge  zu  treffen,  daß  sich  ähnliche  Vorkommnisse,  wie  sie  durch  die
Veröffentlichung  des  „Daily  Telegraph“  zutage  getreten  sind,  nicht  wiederholen?

Die  Abgeordneten  Bassermann,  Wiemer  und  Singer  übten  z.  T.
sehr  scharfe  Kritik  sowohl  an  der  Haltung  des  Kaisers  wic  der  des  Reichskanzlers.  Wie
die  „Norddeutsche  Allgemeine  Zeitung“  am  31.  Oktober  feststellte,  hatte  der  Reichskanzler
  erst  durch  den  „Daily  Telegraph“  Kenntnis  von  dem  Inhalt  des  Artikels  erhalten.
  Nachdem  der  Artikel  erschienen  war,  erklärte  er  dem  Kaiser,  daß  er,  wenn
er  den  Aufsatz  vorher  gelesen  hätte,  die  Veröffentlichung  widerraten  haben  würde.
Er  betrachte  sich  aber  nach  der  Reichsverfassung  als  allein  verantwortlich  und  bitte