November  1908.  135

daher  um  seinen  Abschied.  Der  Kaiser  lehnte  dieses  Gesuch  ab.  Die  Forderungen
im  Reichstag  gingen  auf  stärkere  Zurückhaltung  des  Kaisers,  Reform  des  Auswärtigen
  Amtes,  ein  Ministerverantwortlichkeits-Gesetz,  Anklagerecht  gegen  den  Reichskanzler,
  Mitwirkung  des  Reichstages  bei  der  Ernennung  der  Minister;  auch  der  Gedanke
  einer  Adresse  an  den  Kaiser  war  erwogen  worden.  Die  Abgcordneten
aller  Parteien  stellten  unter  zum  Teil  scharfer  Kritik  au  der  Haltung  des  Kaisers
fest,  daß  Erregung  und  schmerzliches  Bedauern  über  die  sich  an  diese  Veröffentlichung
anknüpfenden  Vorgänge,  wie  über  das  sogenannte  persönliche  Regiment  im  ganzen
Volke  entstanden  sei.  Fürst  Bülow  beantwortete  die  Interpellationen  im  ganzen.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:

Meine  Herren,  ich  werde  nicht  auf  alle  Punkte  eingehen,  die  von  den
Herren  Vorrednern  hier  soeben  berührt  worden  sind.  Ich  muß  auf  die
Wirkung  meiner  Worte  im  Auslande  sehen,  und  ich  will  nicht  neuen  Nachteil
zu  dem  großen  Schaden  hinzufügen,  der  durch  die  Veröffentlichung  des
„Daily  Telegraph“  schon  angerichtet  worden  ist.

(Hört!  hört!  links  und  bei  den  Sozialdemokraten.)

In  Beantwortung  der  vorliegenden  Interpellationen  habe  ich  folgendes
zu  erklären.

Seine  Majestät  der  Kaiser  hat  zu  verschiedenen  Zeiten  gegenüber
privaten  englischen  Persönlichkeiten  private  Außerungen  getan,  die,  aneinandergereiht,
  im  „Daily  Telegraph“  veröffentlicht  worden  sind.  Ich
muß  annehmen,  daß  nicht  alle  Einzelheiten  ans  den  Gesprächen  richtig
wiedergegeben  worden  sind.

(Hört!  hört!  rechts.)
Von  einem  weiß  ich,  daß  es  nicht  richtig  ist.  Das  ist  dic  Geschichte  mit  dem
Feldzzugsplant).

(Hört!  hört!  rechts.)
Es  handelt  sich  nicht  um  cinen  ausgearbeiteten  detaillierten  Feldzugsplan,
sondern  um  einige  rein  akademische  —  —

(Lachen  bei  den  Sozialdemokraten.)

—  Meine  Herren,  wir  befinden  uns  in  einer  ernsten  Debatte.  Die  Dinge,
über  die  ich  spreche,  sind  ernster  Natur  und  von  großer  politischer  Tragweite.
  Ich  bitte  Sie,  mich  ruhig  anzuhören.  Ich  werde  mich  möglichst

1)  In  dem  Artikel  war  ausgeführt,  daß  von  einem  deutschen  Offizier  die  Kopfzahl
und  die  Position  der  in  Südafrika  auf  beiden  Seiten  fechtenden  Truppen  festgestellt,
nach  diesen  Angaben  ein  unter  diesen  Umständen  für  Englands  Interessen  tauglicher
Feldzugsplan  ausgearbeitet  und,  nachdem  ihn  der  deutsche  Generalstab  gebilligt  habe,
nach  England  geschickt  worden  sei.