140  16.  Die  Veröffentlichung  im  „Daily  Telegraph“.

habe  ich  mein  Abschiedsgesuch  eingereicht.  Dieser  Entschluß  war  geboten,
und  er  ist  mir  nicht  schwer  geworden.  Der  ernsteste  und  schwerste  Ent—
schluß,  den  ich  in  meinem  politischen  Leben  gefaßt  habe,  war  es,  dem
Wunsche  des  Kaisers  folgend,  im  Amte  zu  bleiben;  ich  habe  mich  hierzu
nur  entschlossen,  weil  ich  es  für  ein  Gebot  der  politischen  Pflicht  ansah,
geradc  in  dieser  schwierigen  Zeit  Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  dem
Lande  weiter  zu  dienen.
(Lebhaftes  Bravo.)

Wie  lange  mir  das  möglich  sein  wird,  steht  dahin.

Ich  will  noch  eines  sagen:  in  einem  Augenblick,  wo  vieles  in  der  Welt
wieder  einmal  im  Fluß  ist,  die  gesamte  Lage  ernste  Aufmerksamkeit  erheischt,
wo  es  darauf  ankommt,  unsere  Stellung  nach  außen  zu  wahren  und,  ohne
uns  vorzudrängen,  mit  ruhiger  Stetigkeit  unsere  Interessen  zur  Geltung
zu  bringen  —  in  einem  solchen  Augenblick  dürfen  wir  uns  vor  dem  Ausland
  nicht  kleinmütig  zeigen,  dürfen  wir  cin  Unglück  nicht  zur  Katastrophe
machen.  Ich  will  mich  jeder  Kritik  der  Ubertreibungen  enthalten,  die  wir
in  diesen  Tagen  erlebt  haben.  Der  Schaden  ist  —  das  wird  die  ruhigere
Betrachtung  einsehen  —  nicht  so  groß,  daß  er  nicht  mit  Umsicht  wieder
ausgeglichen  werden  könnte.  Gewiß  soll  keiner  die  Warnung  vergessen,
welche  die  Vorgänge  dieser  Tage  uns  allen  gegeben  haben,

(Bravol  rechts);

aber  es  ist  keine  Ursache,  eine  Fassungslosigkeit  zu  zeigen,  die  bei  unseren
Gegnern  die  Hoffnung  erweckt,  als  wäre  das  Reich  im  Innern  und  nach
außen  gelähmt.

An  den  berufenen  Vertretern  der  Nation  ist  es,  die  Besonnenheit
zu  zeigen,  die  dem  Ernst  der  Zeit  entspricht.  Ich  sage  es  nicht  für  mich,
ich  sage  es  für  das  Land:  die  Unterstützung  hierbei  ist  keine  Guade,  sie  ist
eine  Pflicht,  der  sich  dieses  hohe  Haus  nicht  entziehen  wird.

(Lebhafter  Beifall  rechts.  Zischen  bei  den  Sozialdemokraten.)

Am  17.  November  nahm  der  Kaiser  den  Vortrag  des  Reichskanzlers  in  Potsdam
entgegen.  Der  Reichskanzler  schilderte  die  im  Auschluß  an  die  Veröffentlichung  des
„Dailh  Telegraph“  im  deutschen  Volke  hervorgetretene  Stimmung  und  ihre  Ursachen;  er
erläuterte  ferner  die  Haltung,  die  er  in  den  Verhandlungen  des  Reichstages  über  die
Interpellationen  eingenommen  hatte.

Der  Kaiser  nahm  die  Darlegungen  und  Erklärungen  des  Reichskanzlers  mit  großem
Ernste  entgegen  und  gab  seinen  Willen  dahin  kund:  Unbeirrt  durch  die  von  ihm  als
ungerecht  empfundenen  Ubertreibungen  der  öffentlichen  Kritik,  erblicke  er  seine  vor-