November  1908.  141

nehmste  kaiserliche  Aufgabe  darin,  die  Stetigkeit  der  Politik  des  Reichs  unter  Wahrung
der  verfassungsmäßigen  Verantwortlichkeiten  zu  sichern.

Demgemäß  billigte  der  Kaiser  die  Ausführungen  des  Reichskanzlers  im  Reichstage
und  versicherte  den  Fürsten  von  Bülow  seines  fortdauernden  Vertrauens.

17.  Die  Reichsfinanzreform.
Sitzung  des  Reichstags  vom  19.  November  1908.

Am  18.  September  trat  der  Bundesrat  zu  einer  Sitzung  über  die  Reichsfinanzreform
  zusammen.  Der  Reichskanzler  eröffnete  sie  mit  einer  längeren  Ansprache  ½),
in  der  er  auf  die  große  innerpolitische  und  nationale  Bedeutung  der  Verhandlungen
hinwies  und  an  die  anwesenden  Vertreter  der  verbündeten  Regierungen  die  Aufforderung
  richtete,  angesichts  der  unbedingten  Notwendigkeit  einer  Neuordnung  des  deutschen
Finanzwesens  die  Arbeiten  mit  allem  Nachdruck  zu  fördern.  Der  bayrische  Ministerpräsident
  Freiherr  von  Podewils  erklärte  darauf  namens  seiner  Regierung  die  volle
Übereinstimmung  mit  den  Darlegungen  des  Reichskanzlers,  wobei  er  zugleich  die  Einmütigkeit
  betonte,  mit  der  die  verbündeten  Regierungen  an  die  Lösung  dieser  Aufgabe
heranträten.  Die  Vertreter  der  anderen  Bundesstaaten  schlossen  sich  dem  an.  Am  19.  November
  1908  leitetc  sodann  Fürst  Bülow  die  Aktion  im  Reichstage  mit  folgender  Rede  ein:

Meine  Herren,  wir  stehen  heute  vor  einem  schwierigen  Problem.
Die  ernste  und  wichtige  Frage,  die  uns  heute  beschäftigt,  ist  diese:  Wird
es  gelingen,  das  Deutsche  Reich  auf  eine  dauernd  feste  und  dauernd  gesicherte
finanzielle  Grundlage  zu  stellen?  Oder  wird  das  Reich  auch  ferner  sein
müssen  ein  Kostgänger,  ein  überaus  lästiger  Kostgänger  der  Einzelstaaten?
Wird  es  auch  fernerhin  von  den  Lasten  der  zukünftigen  Deutschen  leben
müssen?  Wird  es  bleiben  müssen  bei  unserer  bisherigen  Schuldenwirtschaft,
zur  Sorge  jedes  Patrioten  und  zum  Gespötte  des  Auslandes?

Meine  Herren,  es  tut  der  Größe  des  Werkes,  das  vor  nunmehr  37  Jahren
das  deutsche  Volk  und  seine  Führer  mit  der  Gründung  des  Reichs  geschaffen
haben,  keinen  Eintrag,  wenn  ich  sage:  das  Werk  ist  damals  zwar  begonnen,
es  ist  aber,  wenngleich  das  Schwerste  geschehen  ist,  nicht  zugleich  vollendet
worden.  Die  Gründung  des  Deutschen  Reichs  war  nicht  der  Bau  eines
Hauses,  das,  bis  ins  kleinste  fertiggestellt,  seine  Erben  nur  zu  bewohnen
brauchten.  Das  konnte  sie  gar  nicht  sein.  Staatliche  Organisationen
pflegen  nicht  über  Nacht  zu  entstehen  wie  ein  Gedicht;  staatliche  Organisationen
  sind  das  Werk  von  Generationen.  Die  Gründung  des  Reichs
war  die  Grundsteinlegung,  der  Entwurf  von  Grundriß  und  Plan,  die  Aufführung
  der  Grundmauern.  An  dem  Hause  aber  bauen  wir  heute  noch.

1)  Nordd.  Allg.  Ztg.  20.  Sept.  1908.