November  1908.  143

wir  begonnen,  unser  Wirtschaftsleben  durch  Handelsverträge
  und  Zollpolitik  zu  stärken,  als  unsere
cigenen  wirtschaftlichen  Fortschritte,  der  Aufschwung
  von  Handel,  Industrie  und  Schiffahrt  uns
auch  schon  zwangen,  jenseits  der  Meere  Kolonien
zu  suchen,  einen  jungen  Welthandel  auch  politisch
zu  sichern,  mit  den  bisherigen  Traditionen  einer
kontinentalen,  einer  rein  curopäischen  Politik  zu
brechen  und  Weltpolitik  zu  treiben.  Dieser  Übergang
stellte  uns  vor  eine  neue,  dringende  und  wichtige  Aufgabe:  das  neue  Reich
bedurfte  einer  Flotte,  stark  genug,  seine  Küsten,  seine  überseeischen
Interessen  und  seinen  Handel  zu  schützen.  Wir  haben  diese  Flotte  bauen
müssen,  und  wir  haben  sie  schnell  bauen  müssen,  weil  eine  schnelle  Entwicklung
  uns  dazu  nötigte.  So  folgten  sich  die  größten  Aufgaben  in  schneller
Reihe.  So  stellte  jede  neue  Phase  einer  beispielslos  raschen  Entwicklung
immer  neue  Probleme.  Kein  unparteiisch  Urteilender  wird  den  verbündeten
Regierungen,  wird  diesem  hohen  Hause  den  Vorwurf  machen  können,
daß  sie  die  Sprache  der  Zeit  nicht  verstanden  und  den  Schritt  der  Ent—
wicklung  nicht  gefördert  hätten.  Gewiß  bleibt  noch  manches  zu  tun  übrig:
aber  es  ist  viel  getan.  Auch  nach  meiner  Ansicht  läßt  sich  manches  Stockwerk
noch  besser  einrichten;  aber  das  Haus  ist  bewohnbar  —  auch  für  ein  Volk,
das  heute  um  die  Hälfte  zahlreicher  ist  als  zu  der  Zeit,  da  der  Grundriß
entworfen  wurde.  Meine  Herren,  wer  diese  Entwicklung  in  ihrer  Gesamtheit
überschaut,  der  wird  verstehen,  daß  es  sowohl  psychologisch  begreiflich  als
in  der  inneren  Logik  der  Tatsachen  begründet  ist,  wenn  bei  diesem  großen
Werke  eine  Seite  immer  wieder  zurückgestellt,  vertagt  und  mit  leichterer
Hand  behandelt  wurde,  als  wir  sic  heute  behandeln  dürfen.  Ich  meine
die  finanzielle  Seite.  Wir  haben,  immer  den  Gedanken  vor
Augen,  daß  das  Haus  gebaut,  rasch  und  gut  gebaut  werden  mußte,  die
finanziellen  Fragen  als  Fragen  zweiter  Orduung  behandelt.  Anfangs
schienen  die  Milliarden  der  Kriegsentschädigung  unerschöpflich  und  machten
sorglos.  Dann  hat  der  ungeheure  wirtschaftliche  Aufschwung,  das  Vertrauen
  in  den  Elan  dieser  Entwicklung,  diese  Sorglosigkeit  vielleicht  noch
gesteigert.  Wir  glichen  dem  Jüngling  in  Schillers  schönem  Gedicht,  der
von  kühnem  Mute  beflügelt,  beglückt  in  seines  Traumes  Wahn,  von  keiner
Sorge  noch  gezügelt  vorwärts  stürmt,  und  kommende  Sorgen  frohgemut
einer  späteren  Zukunft  überläßt,  sich  und  seiner  Kraft  auch  für  später  vertrauend.
  Das  sind  die  psychologischen  Ursachen.  Andere  Ursachen  liegen  in
der  Logik  der  Dinge  und  in  der  Eigenart  unserer  Entwicklung.  Ihre  Not-