14  17.  Die  Reichsfinanzreform.

wendigkeiten  folgten  sich  so  schnell,  daß  niemand,  in  keinem  Zeitpunkte
dieser  Periode,  die  Summe  messen  konnte,  die  das  Reich  in  fünf  Jahren
benötigen  würde.  So  war  eine  einmalige,  gründliche,  dauernde  Regelung
der  Reichsfinanzen  nicht  möglich.  Man  hat  reformiert;  binnen  kurzem
erwies  sich  die  Reform  als  unzulänglich.  Die  Ausgaben  wuchsen  mit  den
Aufgaben  und  eine  schaffende,  vorwärtsstrebende  Zeit  wälzte  die  Lasten,
sorglos  und  vertrauensvoll,  auf  die  Schultern  der  Zukunft.  Meine  Herren,
diese  Schultern  sind  unsere  Schultern,  und  heute  stehen  wir  vor  der
schwierigen  Aufgabe,  die  Sorglosigkeit  der  Vergangenheit  zu  verstehen
und  ihr  Vertrauen  zu  rechtfertigen.

Meine  Herren,  Emporkömmlinge  sind  im  allgemeinen  nicht  beliebt.

(Heiterkeit.)

Auch  das  Deutsche  Reich,  das  jüngste  Mitglied  in  der  europäischen  Staatengemeinschaft,
  hat  im  Ausland  mehr  Respekt  und  selbst  Furcht  als  Zuneigung
genossen.  Deutschland,  früher  der  bequeme  Tummelplatz  für  fremde  Einmischung,
  ist  ein  unbequemer  Konkurrent  geworden.  Die  Politik
in  der  nachbismarckischen  Zeitmeog  Fehler  begangen
haben,  sie  hat  Fehler  begangen;  aber  die  Gegnerschaften
  gegen  das  Reich  beruhen  im  letzten  Ende
doch  auf  clementaren  Ursachen.  Auch  Bismarck  hat  nicht
verhindern  können,  daß  der  Revanchegedanke  in  Frankreich  nicht  erlöschen
wollte,  daß  in  Rußland  nach  dem  Türkenkricge  eine  deutschfeindliche  Welle
kam.  Und  ist  es  denn  so  unnatürlich,  daß  unsere  aus  dem  Wachstum  der
Bevölkerung  und  unserer  produktiven  Kräfte  hervorgegangene  wirtschaftliche
  Expansion  die  einst  freundlicheren  Gefühle  des  englischen  Volkes,
wenigstens  bei  einem  Teil  des  englischen  Volkes,  allmählich  in  Mißtrauen
verwandelte  oder  doch  mit  einer  gewissen  Besorgnis  erfüllt  hat?  Nun,
meine  Herren,  diese  Gegensätze  sind  nicht  unüberwindlich.  Manche  wird
die  Zeit  heilen  oder  mildern.  Ich  sehe  keine  nahe  Kriegsgefahr.  Was  wir
brauchen,  ist  Kaltblütigkeit,  Furchtlosigkeit,  Stctigkeit

(Bravo!  Sehr  richtig!  rechts;  Bewegung  links),
Ruhe  nach  außen  und  im  Innern.
(Bravo!l  rechts.)

Mir  schwebt  immer  das  tiefsinnige  Bild  von  unserem  Albrecht  Dürer  vor,
jener  Reiter,  der  in  voller  Rüstung  neben  Tod  und  Teufel  ruhig  und  kaltblütig
  das  Tal  hintan  reitet.  Ich  stelle  neben  dieses  Bild  ein  anderes  Bild,
—  es  erschien  im  vergangenen  Frühjahr  in  einer  französischen  Zeitung.