November  1908.  145

Es  stellte  einen  Kürassier  dar,  in  blankem  Pallasch  und  Helm,  aber  in  ab—
gerissener  Uniform,  der  einem  vornehm,  mit  abwehrender  Geste  vorüber—
gehenden  Fremden  bettelnd  die  Hand  entgegenstreckt:  ein  Bild,  wie  sich
unsere  Finanzlage  und  damit  unsere  Schlagfertigkeit,  unsere  Verteidigungsfähigkeit
  weiten  Kreisen  des  Auslandes  darstellt.  Hier,  meine  Herren,
liegt  eine  Gefahr,  eine  wirkliche  und  cinc  große  Gefahr,  und  diese  Gefahr
zu  überwinden,  hängt  ganz  allein  von  uns  ab.

Es  handelt  sich  nicht  wic  in  früheren  Jahren  darum,  ein  paar  neue
Steuern  zu  finden;  wir  wollen  und  müssen  diesmal  ganze  Arbeit  tun.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Ich  brauche  Ihnen  die  gegenwärtige  Lage  kaum  zu  schildern,  Sie  kennen
sie  alle.  Wir  hatten  1878  139  Millionen,  1888  884  Millionen  und  1908
1  Milliarden  400  Millionen  Mark  Schulden,  und  mehr  als  1  Milliarde
steht  als  neue  Last  bereits  für  die  nächsten  Jahre  wieder  in  Aussicht.  England,
  das  mit  Beginn  des  vorigen  Jahrhunderts  aus  den  napoleonischen
Kriegen  mit  einer  Schuldenlast  von  etwa  20  Milliarden  Mark  hervorgegangen
  war,  hat  im  Laufe  des  vorigen  Jahrhunderts  nicht  weniger  als
5  Milliarden  abgetragen  und  erst  aus  Anlaß  des  Burenkrieges  die  Staatsschuld
  um  rund  3  Milliarden  wiederum  vermehrt.  An  der  Tilgung  auch
dieser  neuen  Belastung  hat  England  seitdem  unausgesetzt  gearbeitet.  Der
bisherige  Finanzminister,  der  jetzige  Premierminister  Mister  Asquith,
kounte  deshalb  bei  Einbringung  des  Etats  für  1908  mit  Stolz,  mit  sehr
berechtigtem  Stolz  darauf  hinweisen,  daß  die  englische  Staatsschuld  am
31.  März  1909  bereits  10  Millionen  Pfund  weniger  betragen  werde  als
am  31.  März  1899  vor  dem  Ausbruch  des  Burenkrieges.

(Hört!  hört!  rechts.)

Frankreich  hat  von  1881  bis  1901  jede  öffentliche  Anleihe  vermieden

(hört!  hört!)
trotz  der  enormen  Aufwendungen  für  Armee  und  Marine.  Der  französische
  Finanzminister  Cailloux  hat  bei  Besprechung  der  wirtschaftlichen  Lage
Frankreichs  besonders  hervorgehoben,  daß  die  Staatsschuld  Frankreichs
seit  1890  trotz  des  Ubermaßes  an  Ausgaben  abgenommen  habe.  Neben
dem  Bedarf  des  Reichs  lief  bei  uns  einc  beispiellose  Beanspruchung  des
deutschen  Geldmarktes  durch  die  Einzelstaaten  und  Kommunalverwaltungen;
durch  die  Sintflut  von  Reichs-,  Staats-,  Stadt=  und  Kreisanleihen  ist
die  Aufnahmefähigkeit  des  deutschen  Marktes  erschöpft

(sehr  richtig!)

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  10