November  1908.  149

Ein  ausgezeichneter  Gelehrter,  der  derzeitige  Prorektor  der  Freiburger
Universität,  Professor  v.  Schulze-Gaevernitz,  hat  in  diesem  Sommer  ge—
schrieben:

Die  deutsche  Finanzmisere  beruht  nicht  auf  mangelhafter  Steuer—
fähigkeit,  sondern  auf  mangelnder  Steuerwilligkeit.
(Sehr  richtig!  rechts.  —  Zurufe  links.)
Und  was  ein  anderer  hervorragender  Gelehrter,  mein  alter  Gönner,  der
Professor  Dr  Adolf  Wagner,  über  unsere  „Steuerfilzigkeit“  und  „Steuer—
knickrigkeit"  gesagt  hat,  will  ich  lieber  gar  nicht  hier  wiederholen.
(Heiterkeit.)
Aber,  meine  Herren,  mit  der  Bewilligung  neuer  Steuern  ist  die  Finanzreform
  noch  nicht  zu  Ende.
(Sehr  richtig!  rechts.)
An  sie  schließt  sich  eine  andere  nicht  minder  ernste  und  nicht  minder  wichtige
Forderung,  die  sich  an  das  deutsche  Volk,  an  die  Regierung  und  an  dieses
hohe  Haus  richtet.  Ich  habe  eben  dargelegt,  wie  das  Deutsche  Reich  in
raschem  Aufschwunge,  von  Problem  zu  Problem  gedrängt,  über  seine
Verhältnisse  gelebt  hat.  Ich  kann  dasselbe  von  fast  allen  Bundesstaaten,
von  fast  allen  großen  und  kleinen  Kommunen  sagen.
(Hört!  hört!)
Sie  alle  haben  im  Wettkampf  des  Fortschritts  eine  Anlage  nach  der  anderen
errichtet,  eine  Anleihe  nach  der  anderen  aufgenommen.
(Sehr  richtig!))
Gewiß,  lauter  sehr  nützliche,  aber  hier  und  da  auch  doch  entbehrliche  Dinge.
(Sehr  richtig!  rechts.  Widerspruch  links.)
—  Doch,  meine  Herren,  so  wenig  wie  der  Staat  haben  sich  die  einzelnen
Kommunen  klar  gemacht,  in  welchen  Zustand  die  Häufung  dieser  Anleihen
allmählich  den  deutschen  Geldmarkt  bringen  mußte.  Die  einzelne  Auleihe
erschien  unbedenklich.  Heute  sehen  wir,  daß  die  Summe  aller  dieser  Anleihen
  eine  Gefahr  für  die  Verfassung  des  deutschen  Geldmarktes  bedeutet.
Um  diese  Gefahr  zu  überwinden,  genügen  nicht  allein  die  neuen  Steuern,
genügt  nicht  die  größte  Sparsamkeit  im  Reiche;  die  Gemeinden  müssen  mithelfen.
  Und  deshalb  richte  ich  auch  an  die  Kommunen  von  dieser  Stelle
die  Mahnung  zur  Sparsamkeit
(sehr  richtig!  rechts;  Unruhe  bei  den  Sozialdemokraten),

die  Bitte,  bei  ihrer  Wirtschaft  nicht  das  Ganze  zu  vergessen.