152  17.  Die  Reichsfinanzreform.

Mann  zuzumuten,  daß  er  auf  Notwendiges  oder  auch  nur  Nützliches  ver—
zichten  soll.  Meine  Mahnung  richtet  sich  gegen  den  überflüssigen  Luxus,
sie  richtet  sich  in  erster  Linie  an  die  mittleren  und  an  die  höheren  Stände.
(Sehr  gut!  bei  den  Sozialdemokraten.)
Hier  ist  mit  der  Zeit  Wohlleben  und  Luxus  zu  einer  gesellschaftlichen  Verpflichtung,
  zu  einem  gesellschaftlichen  Zwang  geworden.
Sehr  richtig!  rechts  und  bei  den  Nationalliberalen.)
Die  gesellschaftlichen  Beziehungen  zwingen  viele  zu  einem  Luxus,  den  sie
gar  nicht  leisten  können.
(Sehr  richtig!  rechts.)
Wer  seine  Freunde  zu  einem  einfachen  Happen  einlädt,  der  fürchtet  sich
vor  Mißachtung.  Jeder  will  aufwenden,  was  ein  reicher  Freund  oder
Bekannter  oder  Verwandter  oder  Kollege  ausgibt.
(Sehr  wahrl)
Wie  einfach  ging  es  in  Bonn  auf  unserem  Kasino  zu,  als  ich  dort  als  Leutnant
bei  den  Königshusaren  stand!  —  Freilich  ist  es  lange  her.  —  Welchem
Aufwand  begegnen  wir  jetzt  —  gar  nicht  vorzugsweise  oder  auch  nur  überwiegend
  in  militärischen  Kreisen!  Da  geht's  noch  verhältnismäßig  am
bescheidensten  zu.
(Lachen  bei  den  Sozialdemokraten.)

—  Doch,  meine  Herren,  gehen  Sie  in  solche  Kreise,  und  Sie  werden  sich
selbst  davon  überzeugen!  —  Aber  an  allen  Ecken  und  Enden,  überall  soll
immer  gleich  Sekt  fließen.  Die  gesellschaftliche  Schätzung  ist  eine  Frage
des  Luxus,  des  Geldes  geworden.  —  Das,  meine  Herren,  ist  gar  nicht
geeignet,  Heiterkeit  zu  erwecken,  das  ist  ein  sehr  ernstes,  ein  trauriges
Kapitel.  Es  ist  des  deutschen  Volkes,  es  ist  seiner  kulturellen  Größe,  es
ist  seiner  ruhmvollen  geistigen  Geschichte  unwürdig,  daß  solche  gesellschaftliche
  Sitte  oder  vielmehr  Unsitte,  solche  soziale  Moral  oder  vielmehr  Unmoral
hat  aufkommen  können.
(Sehr  richtig!)

Ich  hoffe,  das  ist  nur  die  Begleiterscheinung  eines  raschen  Wachstums.
Ich  hoffe,  daß  der  gute  Genius  unseres  Volks,  dem  ich  grenzenlos  vertraue,
uns  auch  darüber  weghelfen  wird.

Diese  Aufgabe  muß  die  Nation  lösen  —  der  Regierung  sind  andere
Aufgaben  gestellt.  Auch  die  Regierung  ist  sich  wohl  bewußt,  daß  es  mit
den  neuen  Steuern  allein  nicht  getan  ist.

(Sehr  richtig!  rechts.)