November  1908.  153

Nicht  neue  Steuern  —  eine  neue  Ära  der  Finanzwirtschaft!  Damit  meine
ich  nun  nicht  nur  die  notwendige  Sparsamkeit,  ich  meine  nicht  nur  die  Ein—
schränkungen  im  Budget,  nicht  nur  die  Schuldentilgung,  deren  Notwendigkeit
dieses  hohe  Haus  und  die  Regierung  so  oft  betont  haben.  In  alle
Finanzgeschäfte  der  Regierung  muß  ein  neuer
Geist  einziehen.

(Sehr  richtig!  rechts.  —  Zurufe  von  der  äußersten  Linken.)

Ich  habe  mir  unter  anderem  darüber  Vortrag  halten  lassen,  inwieweit
die  Vergebung  der  Lieferungen  wirtschaftlicher  gehandhabt  werden  kann.

(Hört!  hört!)

Ich  habe  mir  auch  darüber  berichten  lassen,  ob  der  so  niedrige  Kursstand
unserer  Anleihen  nicht  zum  Teil  auf  verbesserungsfähige,  finanztechnische
Gepflogenheiten  zurückzuführen  ist.  Ich  weiß  sehr  wohl,  daß  ein  so  niedriger
Kursstand  durch  die  Masse  der  Anleihen  allein  nicht  gerechtfertigt  ist.  Ich
glaube,  daß  viel  geholfen  werden  kann  durch  finanztechnische  Verbesserungen,
besonders  durch  eine  systematische  Regelung  der  Begebung  unserer  Anleihen.

(Sehr  wahr!  bei  den  Nationalliberalen.)

Ich  glaube,  daß  wir  hier,  wie  an  vielen  anderen  Stellen,  kaufmännischer
werden  arbeiten  müssen.
(Sehr  richtig!  rechts.)

Meine  Herren,  das  deutsche  Volk  tritt  ins
Mannesalter,  essteht  vor  einer  großen  moralischen
Aufgabec.  Diese  Aufgabe  ist  unscheinbarer  als  ein  gewonnener  Krieg;
sie  ist  aber  vielleicht  nützlicher.  Vergessen  Sie  nicht,  daß  die  Weltgeschichte
immer  mehr  eine  Geschichte  der  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Beziehungen
  wird,  daß  mehr  als  früher  die  Macht  eines  Staates  durch  seine
finanzielle  Leistungsfähigkeit  bedingt  wird.  Wenn  wir  vor  neuen  Stenern
zurückschrecken,  oder,  was  genau  auf  dasselbe  hinauskommt,  wenn  wir
uns  über  die  neuen  Steuern  nicht  einigen,  wenn  wir  die  Anleihewirtschaft
fortsetzen,  wenn  der  Kursstand  unserer  Anleihen  weiter  sinkt,  so  gefährden
wir  unser  Ansehen,  so  gefährden  wir  unsere  Sicherheit,  so  gefährden  wir
unseren  Frieden.

(Sehr  richtig!)

Wir  gefährdeu  unseren  Frieden,  denn  die  finanzielle
  Bereitschaft  ist  geradeso  wichtig  wie  die

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