154  17.  Die  Reichsfinanzreform.  —  18.  Auswärtige  Lage.

geradeso  verhängnisvolle  Folgen  haben,  als  wenn  die  militärische  Bereitschaft
  außer  acht  gelassen  wird.

Kaum  heißt  es,  neue  Steuern  sind  nötig,  da  erscheinen  Tabakhändler
und  Spiritusinteressenten  und  Brauer  und  Gutsbesitzer  und  Kapitalisten,
kurz  Interessenten  aller  Art  und  rufen:  heiliger  Florian,  verschon'  mein
Haus,  zünd'  andre  an.

(Heiterkeit.)

Dann  heißt  es:  jawohl,  neue  Steuern  sind  gewiß  nötig,  aber  ich  mag  und
will  und  kann  sie  nicht  tragen.  Solche  Gesinnung  kann  die  Nation  nicht
brauchen.  Hier  müssen  alle  mithelfen,  alle  Stände,  alle  Klassen,  alle
Parteien,  alle  Berufsarten.

Meine  Herren,  der  Bau  des  Reiches  ist  festgefügt  und  wohnlich  eingerichtet,
  Wälle  und  Gräben  schützen  ihn.  Jetzt  heißt  es,  die  Baugelder
regeln,  die  Hypotheken  abtragen  und  in  geordnetem  Haushalt  durch  erhöhte
Beiträge  der  Bewohner  zum  gemeinsamen  Wohl  der  Zukunft  vorsorgen.
Es  ist  keine  Zeit  zum  Warten,  auch  keine  Zeit  zum  Nörgeln  und  Lamentieren.
Die  verbündeten  Regierungen  sind  der  festen  Zuversicht,  daß  dieses  hohe
Haus  die  Driuglichkeit  und  die  Größe  dieser  Aufgabe  erkennt,  daß  die
Vertreter  der  Nation  diese  Aufgabe  so  erfüllen  werden,  wie  es  eines  großen,
friedlich  vorwärtsstrebenden  und  starken  Volkes  würdig  ist.

(Lebhafter  Beifall  rechts  und  links.  —  Zischen  bei  den  Sozialdemokraten.  —
Wiederholtes  Bravo.)

13.  Auswärtige  Lage.  —  Türkei  und  Gsterreich.  —  Casablanca-Affäre.

—  Japanisch-Amerikanisches  Abkommen.  —  Prag.
Sitzung  des  Reichstags  vom  7.  Dezember  1908.

Zur  auswärtigen  Lage  Deutschlands  hatte  der  Kanzler  seit  dem  24.  März  nicht
gesprochen.  Diese  hatte  eine  Veränderung  erfahren  durch  den  Umschwung  in  der  Türkei.
Die  allgemeine  Lage  erschien  bedroht  durch  die  endgültige  Annexion  von  Bosnien  und  der
Herzegowina  durch  Österreich-Ungarn  am  5.  Oktober  und  die  Unabhängigkeitserklärung
Bulgariens  an  demselben  Tage.  Diese  Ereignisse  schienen  durch  die  Haltung  Serbiens,
hinter  dem  Rußland  stand  oder  zu  stehen  schien,  in  einen  Krieg  hereinzuführen.  Bei  der
ersten  Beratung  des  Etats  für  1909  besprach  der  Reichskanzler  am  7.  Dezember  1908
diese  Lage.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:
Meine  Herren,  von  allen  Rednern  aus  dem  Hause  sind  schwerwiegende
Fragen  der  auswärtigen  Politik  besprochen  worden.  Ich  will  darüber