156  18.  Türkei  und  Osterreich.

gekräftigt  zu  sehen.  Wie  sollte  dem  auch  anders  sein?  Wir  haben  ja  niemals
ein  Stück  osmanischen  Bodens  an  uns  gerissen  oder  beansprucht.  Gewiß:
wir  haben  das  nicht  aus  Moral  und  Genügsamkeit  getan,  sondern  weil
schon  unsere  geographische  Lage  keinen  Anreiz  dazu  bot.

(Heiterkeit.)
Um  so  aufrichtiger  ist  aber  auch  unser  Wunsch,  daß  die  Türkei  innerlich
gesund  und  stark  sei.

Wenn  auch,  wie  Graf  Kanitz  soeben  zutreffend  dargelegt  hat,  die
Türkei  durch  die  Annexion  Bosniens  und  der  Herzegowina  tatsächlich  nichts
verloren,  durch  die  Räumung  des  Sandschak  Novibazar  sogar  etwas  ge—
wonnen  hat,  wenn  auch  ferner  die  Unabhängigkeitserklärung  Bulgariens
wenigstens  keinen  wirklichen  Gebietsverlust  für  die  Türkei  bedeutet,  so
haben  diese  Ereignisse  doch  eine  lebhafte  Unruhe  am  Balkan  hervorgerufen
und  wegen  der  damit  verbundenen  Änderungen  des  Berliner  Vertrages
die  europäische  Diplomatie  vor  eine  schwierige  Aufgabe  gestellt.

(Sehr  richtig!)
Bei  Wahrung  der  deutschen  Interessen  war  ich  mir  von  vornherein  über
zwei  Punkte  klar.  Erstens,  daß  die  deutsche  Politik  bei  dem
diplomatischen  Spiel  anderen  Mächten  die  Vorhand
  lassen  mußte.  Ich  bestreite  nicht,  daß  wir  anders  als  in  der
Zeit  des  Fürsten  Bismarck  heute  erhebliche  wirtschaftliche  Interessen  auf
der  Balkanhalbinsel  besitzen.  Aber  auch  heute  haben  wir  ebenso  wenig
wie  bei  der  letzten  akuten  orientalischen  Krisis  vor  einem  Menschenalter
Veranlassung,  uns  bei  Regelung  der  politischen  Neubildungen  vor  andere
näher  interessierte  Mächte  in  eine  führende  Stellung  drängen  zu  lassen.

(Sehr  richtig!  rechts.)

Der  zweite  Punkt,  über  den  ich  mir  nicht  einen  Augenblick  zweifelhaft
war,  war  die  Treue  zu  dem  uns  verbündeten  Österreich=
  Ungarn.

(Lebhafter  Beifall.)

Meine  Herren,  wir  sind  von  der  Absicht  der  österreichisch-ungarischen
Regierung,  die  Okkupation  Bosniens  und  der  Herzegowinga  in  eine  Annexion
zu  verwandeln,  ungefähr  gleichzeitig  mit  Italien  und  Rußland  unterrichtet
worden.  Der  Zeitpunkt  und  die  Form  der  Annexion  waren  uns  allerdings
  vorher  nicht  bekannt.

(Hört!  hört!  links.)