Dezember  1908.  157

Ich  denke  nicht  darau,  das  dem  Wiener  Kabinett  übel  zu  nehmen.  Offen
gestanden:  ich  bin  ihm  sogar  dankbar  dafür.
(Sehr  richtig!  rechts.  —  Heiterkeit.)

—  Gewiß,  meine  Herren,  ich  bin  ihm  dankbar  dafür.  Die  österreichischungarische
  Monarchie  kann  und  muß  selbständig  beurteilen,  welche  Fragen
für  sie  Lebensfragen  sind,  und  wie  sie  solche  Lebensfragen  behandeln
will.  Selbstverständlich  hatten  wir  das  Recht  und  die  Pflicht,  uns  zu  fragen,
inwieweit  wir  für  das  spezielle  Interesse  unseres  Verbündeten  eintreten
sollten.  Wir  haben  keinen  Augenblick  gezögert,  nicht  nur  nichts  zu  tun,
was  den  österreichisch-ungarischen  Interessen  hinderlich  wäre,  sondern  auch
diese  Interessen  nach  Möglichkeit  zu  unterstützen.

Daß  wir  nicht  gezögert  haben,  diese  Haltung  einzunehmen,  betone
ich  besonders  gegenüber  dem  Herrn  Abgcordneten  Speck.  Zu  meinem
Erstaunen  und  zu  meinem  Bedauern  hat  Herr  Speck  vorgestern  behauptet,
wir  hätten  erst  „sehr  spät“  und  erst  „nach  längerem  Zögern“  unseren  Platz
an  der  Seite  von  Osterreich-Ungarn  eingenommen.  Wenn  ich  dem  Herrn
Abgeordneten  Speck  einen  Blick  in  die  Akten,  in  meine  Instruktionen  und
Erlasse  gäbe,  so  würdc  er  sich  davon  überzeugen,  daß  dieser  Vorwurf  unbegründet
  und  ungerecht  ist.

Es  war  eine  natürliche  Folge  der  loyalen  Haltung,  die  wir  gegenüber
  Osterreich-Ungarn  befolgt  haben,  daß  ich  dem  russischen  Minister  des
Außern,  Herrn  Iswolski,  in  unserer  Unterredung  keinen  Zweifel  darüber
lassen  durfte,  daß  wir  uns  in  der  Konferenzfrage  nicht  von  Osterreich-Ungarn
  trennen  können.  Im  übrigen  begegneten  wir  uns  in  der  Über—
zeugung,  daß  die  russische  Politik  keine  Spitze  gegen  Deutschland  haben
solle  und  umgekehrt,  vielmehr  die  alten  freundschaftlichen  Beziehungen
bestehen  bleiben  müßten.

(Bravokl  rechts.)

Der  russische  Minister  hat  mir  auch  aufs  neue  versichert,  daß  keine,  weder
offene  noch  geheime,  russisch-englischen  Abmachungen  bestünden,  die  sich
gegen  deutsche  Interessen  richten  könnten.

(Hört!  hört!)

Meine  Herren,  die  italienische  Politik  wird  ebenso  wie  die  deutsche
von  ihrem  eigenen  Interesse  zu  einer  vermittelnden  Haltung  geführt.  Das
hat  in  seiner  neulichen  Rede  der  verdiente  italienische  Minister  des  Außern,
Herr  Tittoni,  eingehend  dargelegt.  Ich  habe  die  Zuversicht,  daß  es  möglich
sein  wird,  den  Gegensatz,  der  in  jüngster  Zeit  zwischen  Osterreich-Ungarn