Dezember  1908.  161

Gegenüber  der  Ansicht,  als  wäre  Deutschland  durch  das  japanischamerikanische
  Abkommen  unaugenehm  berührt  oder  gar  ausgeschaltet
worden,  will  ich  daran  erinnern,  daß  wir  selbst  seit  lange  ein  ganz  ähnliches
  Abkommen  mit  Japan  besitzen.  Denn  Japan  ist  dem  deutsch-englischen
  Abkommen  von  19001),  in  dem  die  Grundsätze  der  Achtung  der
beiderseitigen  Vertragsrechte,  des  territorialen  status  duo  und  der  Politik
der  offenen  Tür  in  China  ausgesprochen  sind,  ausdrücklich  durch  Notenaustausch
  beigetreten.  Von  unserer  Ausschaltung  ist  also  in  Ostasien  so
wenig  die  Rede,  wie  in  der  Türkei  oder  anderswo.

Was  die  von  allen  Rednern  berührten  bedauerlichen  Exzesse  in  Prag
und  au  anderen  Orten  der  österreichischen  Monarchic  betrifft  2),  so  haben
unsere  Vertreter  an  Ort  und  Stelle  sogleich  Schritte  getan,  um  festzustellen,
  ob  und  iuwieweit  deutsche  Reichsangehörige  beteiligt  und  zu  Schaden
gekommen  sind,  und  sich  zu  vergewissern,  daß  denselben  Schutz  in  gebührendem
  Maßc  zuteil  wird.  Darüber  hinaus  uns  in  die  inneren  Vorgänge,
Gegensätze  und  Streitigkeiten  eines  fremden  Landes  einzumischen,  würde
ebensowenig  unseren  Interessen  entsprechen  wie  den  festen  Gleisen,  die
gerade  in  dieser  Beziehung  Fürst  Bismarck  der  deutschen  Politik  vorgeschrieben
  hat.  Mit  Recht  hat  mein  Herr  Vorredner  soeben  darauf  hingewiesen:
  gerade,  weil  wir  nicht  wünschen  und  erlauben,  daß  Fremde  sich
in  unsere  inneren  Verhältnisse  einmischen,  müssen  wir  selbst  in  dieser  Beziehung
  Zurückhaltung  üben  und  Besonnenheit  zeigen.

Meine  Herren,  ich  kehre  noch  einmal  zu  dem  Ausgangspunkt  meiner
Ausführungen,  zu  der  Lage  der  Dinge  im  nahen  Orient  zurück.
Wenn  sich  die  englische  Politik  neuerdings  sehr  wohlwollend  zu  der  Türkei
gestellt  hat,  so  sind  wir  die  ersten,  die  Grund  haben,  uns  darüber  zu  freuen.
Deutschland  will  eine  gesunde  Türkei.  Wenn  auch  England  eine
solche  wünscht,  so  kaun  das  den  deutsch-englischen  Beziehungen  nur  zugute
kommen.  Deutschland  und  England  führen  in  der  Türkei  keinen  Konkurrenzkampf
  und  brauchen  sich  gegenseitig  nicht  auszuschließen.  Uberhaupt  schließe
ich  mich  ganz  dem  an,  was  der  englische  Premierminister  Herr  Asquith
kürzlich  in  seiner  Guildhallrede  3)  über  den  Geist  gegenseitigen  Wohl-1)

  Sog.  Jangtseabkommen  vom  16.  Oktober  1900.

2)  In  Prag  hatten  u.  a.  am  17.  und  25.  Oktober  tschechische  Ausschreitungen  gegen
deutsche  Studenten  stattgefunden.  Der  Grund  dieser  Exzesse  war  die  Vertagung  des
Landtags  gewesen.

2)  Asquith  hatte  am  9.  November  beim  Lordmayorbankett  gesagt:  „Ich  kann  die
nachdrückliche  Erklärung  des  Kaisers  (Wilhelm  II.)  nicht  vergessen,  daß  das  leitende  Ziel
seiner  Politik  die  Aufrechterhaltung  des  Fricdens  in  Europa  und  der  guten  Beziehungen

Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  11