164  19.  Herr  v.  Holstein.  —  Marokko  und  Osterreich-Ungarn.

wirtschaftlichen  und  finanziellen  Kräfte,  die  durch  die  Anforderungen  für
unser  Landheer  und  durch  eine  allen  anderen  Ländern  weit  vorauseilende
Sozialpolitik  bereits  stark  belastet  sind,  schließen  es,  darin  weiß  ich  mich
der  Zustimmung  unserer  Marinebehörden  gewiß,  völlig  aus,  daß  wir
im  Flottenbau  über  das  nach  unserem  Schutzbedürfnis  bestimmte  und
demgemäß  gesetzlich  festgelegte  Maß  hinausgehen.

Meine  Herren,  der  Herr  Abgeordnete  Haußmann  hat  weiter  in  seinen
Ausführungen  auch  den  Namen  eines  langjährigen  Beamten  des  Auswärtigen
  Amts  in  die  Diskussion  gezogen  1).  Es  handelt  sich  um  einen
in  langer  und  harter  Arbeit  unter  vier  Reichskanzlern  ergrauten  Beamten.
Es  handelt  sich  um  einen  Mann  von  wachsamem  und  starkem  Patriotismus,
der  während  eines  Menschenalters  für  die  deutschen  Interessen  auf  der
Bresche  gestanden  hat.  Es  handelt  sich  um  einen  Mann,  dessen  ungewöhnliche
  Arbeitskraft,  hervorragende  politische  Befähigung  und  selbständiger
Charakter  allen  denjenigen  Achtung  einflößen  müssen,  die  ihn  kennen.
Ich  weise  die  gegen  den  Wirklichen  Geheimen  Rat  v.  Holstein  gerichteten
Angriffe  zurück.

Meine  Herren,  der  Herr  Abgeordnete  Haußmann  hat  weiter  in  dem
Augenblick,  wo  ich  diesen  Saal  betrat,  angedentet,  daß  in  der  Marokkofrage
  verschiedene  Einflüsse  sich  bemerkbar  gemacht  hätten.  Das
Auswärtige  Amt  ist  ein  mir  unterstelltes  Ressort,  und  in  einem  solchen
dulde  ich  keine  Neben-  und  Unterströmungen.

(Unruhe  links.)

Indem  ich  für  die  Einheitlichkeit  unseres  Dienstes  wie  unserer  Politik
sorge,  erfülle  ich  lediglich  eine  mir  durch  die  Verfassung  auferlegte  Pflicht,

1)  Der  Abgeordnete  Bassermann  hatte  im  Laufe  der  Debatte  geäußert,
daß  der  im  April  1906  zurückgetretene,  langjährige  vortragende  Rat  in  der  politischen
Abteilung  des  Auswärtigen  Amts  von  Holstein  eine  Lücke  zurückgelassen  habe.  Gegenüber
  dieser  Bemerkung  hatte  der  Abgeordnete  Haußmann  gemeint,  Herr  von
Holstein  habe  in  Deutschland  „die  Rolle  eines  kleinen  Delcassé“  gespielt.  Herr
Haußmann  hatte  sich  auch  einen  Angriff  angeeignet,  den  das  „Berliner  Tageblatt“
am  5.  Dezember  1906  gebracht  hatte  und  in  dem  das  Wesentlichste  war,  daß  Herr  von
Holstein  die  im  Auswärtigen  Amt  über  die  Marokko-Angelegenheit  cingelanfenen  Berichte
nicht  in  der  Form  akzeptiert  habe,  wie  sie  eingegangen  seien,  sondern  Anderungen  vorgenommen
  und  die  veränderten  Berichte  an  die  betreffenden  Missionen  mit  der
Aufforderung  zurückgeschickt  habe,  die  so  amendierten  Berichte  wieder  einzureichen.
Diese  abgeänderten  Berichte  seien  dann  die  Grundlage  für  die  weitere  Behandlung
der  Marokko-Frage  gewesen.