Januar  1909.  173

Bismarck  gegengezeichnet  —  wird  ausdrücklich  ausgesprochen,  daß  die  mit
der  Ausführung  der  Regierungsakte  betrauten  Beamten  auch  die  Politik
der  Regierung  zu  unterstützen  und  zu  fördern  haben.  Dieser  Erlaß  ist  noch
in  Kraft,  und  ich  werde  dafür  sorgen,  daß  er  überall  und  unbedingt  zur
Auwendung  gelangt.

(Bravol)

Meine  Herren,  der  Herr  Vorreduer  ist  auch  auf  die  Beurlaubung
des  Herrn  Staatsministers  Holle  zu  reden  gekommen).  Die  Königliche
  Staatsregierung  beklagt  es  tief,  daß  der  Herr  Minister  Holle  in  dem
Bestreben,  sich  in  das  schwierige  und  umfangreiche  Kultusressort  einzuarbeiten,
  seine  Kräfte  so  sehr  erschöpft  hat,  daß  ihm  von  ärztlicher  Seite
für  einige  Zeit  Feruhaltung  von  den  Geschäften  zur  Pflicht  gemacht  werden
mußte.  In  dem  Gefühl,  daß  ein  so  wichtiges  Ressort  nicht  für  lange  des
Chefs  entbehren  könnte,  hat  der  Herr  Minister  Holle  schon  Ende  vorigen
Jahres  Seine  Majestät  den  Kaiser  und  König  um  seine  Entlassung  gebeten.
Seine  Majestät  der  Kaiser  und  König  hat  sich  noch  nicht  entschließen  können,
diesem  Gesuche  Folge  zu  geben,  da  die  Hoffnung  besteht,  daß  der  Herr
Minister  Holle  bei  weiterem  Aufenthalt  in  einem  gesunden  Klima  seine
Kräfte  vollständig  wiedergewinnt.  Es  bedarf  wohl  kaum  der  Rechtfertigung,
meine  Herren,  daß  unter  diesen  Umständen  nicht  auf  den  Rücktritt  eines
Mannes  gedräugt  wird,  der  sich  mit  großer  Pflichttreuc  und  in  lauterster
Gesinnung  den  Aufgaben  seines  schwierigen  Amtes  bis  zur  völligen  Erschöpfung
  seiner  Kräfte  unterzogen  hat.  Selbstverständlich  kann  das  jetzige
Interimistikum  nicht  lange  dauern.  Sollte  der  Herr  Minister  sich  bis  zum
Frühjahr  nicht  ganz  erholt  haben,  so  wird  die  Neubesetzung  des  Kultusministeriums
  stattfinden  müssen2).  Es  ist  ja  angeregt  und  auch  im  Schoße
des  Staatsministeriums  ventiliert  worden,  ob  einem  der  anderen  Herren
Minister  die  Leitung  des  Kultusministeriums  vertretungsweise  zu  übertragen
  wäre.  Aber,  meine  Herren,  die  Herren  Minister,  dic  allenfalls
in  Frage  kommen  könnten,  haben  mich  händeringend  gebeten,

(große  Heiterkeit)

1)  Der  Kultusminister  war  infolge  schwerer  Erkrankung  seit  längerem  beurlaubt,
  so  daß  der  Kultusetat  ohne  Anwesenheit  des  verantwortlichen  Ressortministers
behandelt  werden  mußte.  Deshalb  war  auch  in  dieser  Etatsdebatte  die  Frage  einer
anderen  Organisation  des  Kultusministeriums  besprochen  worden,  das  zu  groß  und
weitverzweigt  geworden  sei.

2)  Die  Neubesetzung  ist  erst  zugleich  mit  dem  Rücktritt  des  Kanzlers  am  14.  Juli
1909  erfolgt.