Januar  1909.  177

färbe  ich  so  wenig  rosa,  wie  in  anderer  Hinsicht.  Aber  ich  muß  daran  erinnern,
daß  es  nicht  gefehlt  hat  an  gesetzgeberischen  Versuchen,  die  Auswüchse  der
Sozialdemokratie  zu  bekämpfen.  Woran  sind  diese  Versuche  gescheitert?
Nicht  an  der  Regierung,  sondern  an  der  Uneinigkeit  der  bürgerlichen  Partceien.

(Bravol  rechts.)

Der  von  mir  hochverehrte  Graf  Botho  Euleuburg,  gewiß  ein  konservativer
Staatsmann,  hat  einmal  —  ich  glaube,  es  war  bei  Beratung  der  Bergarbeiternovelle
  im  Herrenhause  —  in  einer  bedeutenden  und  bedeutsamen
Rede  den  Wunsch  ausgesprochen,  daß  die  bürgerlichen  Parteien  sich  immer
mehr  bewußt  werden  möchten  der  Macht,  die  heutzutage  in  der  öffentlichen
  Meinung  liegt.  Er  hat  auf  die  geistigen  Waffen  hingewiesen,  mit
denen  wir  die  Sozialdemokratie  bekämpfen  müßten:  „Schließen  sich  in
dieser  Erkenntnis  die  bürgerlichen  Parteien  zusammen  zur  Bekämpfung
der  antireligiösen,  der  antimonarchischen,  antinationalen  und  antisozialen
Bestrebungen  der  Sozialdemokratie,“  so  etwa  schloß  Graf  Eulenburg  seine
Rede,  „dann,  aber  nur  dann  werden  wir  sie  überwinden.“  Ich  weiß  wohl,
daß  die  Sozialdemokratie  nicht  nur  die  Monarchie,  sondern  daß  sie  die
Errungenschaften  Preußens,  die  Machtstellung  Deutschlands,  die  Fundamente
  unserer  christlichen  und  nationalen  Kultur  bedroht.  Es  ist  wohl
möglich,  daß  die  Regierung  im  Laufe  der  Zeit  genötigt  sein  wird,  der
Sozialdemokratie  gegenüber  den  Weg  der  Gesetzgebung  zu  beschreiten
und  das,  was  sie  auf  diesem  Gebiete  für  nötig  hält,  mit  allen  ihr  zu  Gebote
stehenden  Mitteln  durchzusetzen.  Um  das  zu  tun,  muß  die  Regierung  aber
die  Uberzeugung  erlangt  haben,  daß  die  vorhandenen  Mittel  und  eine
stetige  und  furchtlose  Anwendung  dieser  Mittel  nicht  ausreichen.  Diese
lberzeugung  hat  die  Regierung  noch  nicht  gewonnen.  Und  worüber
wir  uns  auch  von  vornherein  klar  sein  müssen,  ist,
daß  ein  Vorgehen  auf  gesetzgeberischem  Wege  und
nun  gar  mit  polizeilichen  Mitteln  kein  Allheilmittel
  ist.  Worauf  es  ankommt,  ist,  daß  die  Regierung  in  ihrem  Kampfe
gegen  die  Sozialdemokratic  auch  wirklich  unterstützt  wird,  daß  alle  diejenigen,
  die  nicht  wünschen,  daß  es  der  Sozialdemokratie  gelingt,  die
Dämme  und  Deiche  einzureißen,  die  unsere  bürgerliche  Gesellschaft  schützen,
die  Regierung  in  ihrem  Kampfe  gegen  die  Sozialdemokratie  stützen  und
unterstützen.  Dazu  gehört  auch,  daß  die  bürgerlichen  Parteien  Maß  halten
in  ihrer  Kritik  und  nicht  durch  eine  übertriebene  Kritik  die
Autorität  schwächen,  dic  sie  doch  stärken  müßten.

(Hört!  hört!  bei  den  Sozialdemokraten.)
Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  12