März  1909.  183

scheint  es  mir  in  der  Politik  überhaupt  weniger  anzukommen  auf  starre
Konsequenz  als  auf  das  praktisch  Nützliche.

(Sehr  richtig!)

Im  Falle  des  Marokkoabkommens  liegt  dem  Vorwurf  der  Inkonsequenz,
wie  ich  glaube,  eine  irrige  Auffassung  über  unsere  Aufgaben  in  Marokko
zugrunde.  Sollten  wir  wirklich  darauf  ausgehen,  in  einem  Lande,  wo  wir
keine  politischen  Juteressen  haben  und  politische  Interessen  niemals  beansprucht
  haben,  Frankreich,  das  dort  sehr  natürliche  und  beträchtliche
politische  Interessen  besitzt,  dauernde  Schwierigkeiten  zu  bereiten?

Meine  Herren,  es  gibt  ja  eine  Meinung,  wonach  es  gut  sein  soll,  einem
Lande,  das  früher  einmal  unser  scharfer  Gegner  war,  überall  in  der  Welt
und  namentlich  an  empfindlichen  Stellen,  wie  Marokko  eine  für  Frankreich
  ist,  offen  und  versteckt  entgegenzuwirken,  bloß  weil  wieder  eine  Zeit
kommen  könnte,  wo  wir  gezwungen  wären,  mit  diesem  Lande  die  Klingen
zu  kreuzen.  Meine  Herren,  ich  möchte  diese  Theorie  die  Theorie  der  krummen
Politik  neunen,  die  hinten  herum  arbeitet  und  die  Wunden  anderer  offen
zu  halten  sucht.

Ich  habe  hier  schon  einmal  davon  gesprochen,  daß  es  einer
großen  Nation  nicht  würdig  und  anch  nicht  nützlich
ist,  vom  Hader  anderer  leben  zu  wollent).  Das  Bewußtsein
  der  Kulturgemeinschaft  unter  den  zivilisierten  Völkern  hat  sich
im  Laufe  des  vergangenen  Jahrhunderts  zu  sehr  gestärkt,  als  daß  eine
Politik  der  Schadenfreude  nicht  überall  Mißtrauen  erwecken  müßte

(sehr  richtig!  rechts),
ohne  dem  eigenen  Lande  zu  nützen.
(Sehr  richtig!  rechts.)

Für  gauz  verfehlt,  meine  Herren,  halte  ich  die  Berufung  auf  den  Fürsten
Bismarck.  Sie  wissen  alle,  daß  Fürst  Bismarck  es  als  nützlich  betrachtete,
wenn  Frankreich  seine  Tatkraft  in  kolonialen  Unternehmungen  betätigte.
Nun,  meine  Herren,  zu  seiner  Zeit  gab  es  für  Frankreich  eine  offene,  eine
schmerzhafte  Wunde:  das  war  Tonkin.  Wenn  sich  die  Archive  einmal  öffuen
werden,  dann  wird  sich  erst  zeigen,  wie  der  große  Mann  sein  Möglichstes
tat,  um  die  chinesische  Regierung  von  kriegerischen  Unternehmungen  gegen
Frankreich  abzuhalten.
(Hört!  hört!  rechts.)

1)  Am  30.  April  1907,  oben  S.  39.