184  21.  Orientalische  Frage  und  österreichisches  Bündnis.

Das  war  das  Gegenteil  einer  Politik  der  Schadenfreude.  Das  deutsche
Volk  ist  stark,  das  deutsche  Volk  ist  groß  genug,  um  eine  offene,  eine  klare,
eine  gerade  Politik  zu  treiben,  und  der  Ausdruck  einer  solchen  Politik  ist  auch
das  Abkommen,  das  ich  mit  der  französischen  Regierung  getroffen  habe.

Meine  Herren,  ich  wende  mich  nun  zum  nahen  Orient.  Es
ist,  wie  Sie  wissen,  ein  Gerede  aufgebracht  worden,  als  wäre  ich  anfangs
unsicher  gewesen  wegen  der  Haltung,  die  wir  einzunehmen  hätten  gegenüber
der  Annexion  von  Bosnien  und  Herzegowina.  Es  ist  sogar  versucht  worden,
mich  durch  die  Presse  unserem  österreichisch-ungarischen  Bundesgenossen
als  schwankend,  bedenklich  und  vertrauensunwürdig  zu  denunzieren.

(Hört!  hört.)

Da  es  sich  hier  um  den  Versuch  einer  Legendenbildung  handelt,  die  unsere
intimsten  Bundesbeziehungen  berührt,  so  meine  ich,  daß  diese  Legende
gar  nicht  kräftig  genug  zerstört  werden  kann.  Ich  werde  Ihnen  deshalb
einige  Mitteilungen  aus  den  Akten  machen,  aus  denen  Sie  ersehen  werden,
daß  ich  von  Anfang  an  meine  Stellung  zu  dem  Vorgehen  der  österreichischungarischen
  Monarchie  mit  aller  Entschiedenheit  genommen  und  präzisiert
  habe.

Die  österreichisch-ungarische  Zirkularnote  wegen  der  Annexion  und
der  damit  zusammenhängenden  Fragen  ist  uns  am  7.  Oktober  des  vorigen
Jahres  übergeben  worden.  Am  Tage  vorher  war  auf  meine  Weisung
der  Kaiserliche  Botschafter  in  Wien  dahin  instruiert  worden:

ich  legte  besonderen  Wert  darauf,  daß  man  in  Wien  hinsichtlich  der
Annexionsfrage  volle  Sicherheit  über  unsere  zuverlässige  Haltung
habe.  Es  sei  dies  für  uns  ein  Erfordernis  selbstverständlicher  Loyalität.
Es  entspreche  dem  Bündnis  mit  ÖOsterreich-Ungarn,  dem  Europa
zum  guten  Teil  einen  dreißigsährigen  Frieden  verdanke.

Die  gleiche  Sprache  ließ  ich  an  anderen  diplomatischen  Stellen  führen.

Nach  London  z.  B.  gab  ich  am  7.  Oktober  Weisung,  zu  betonen,  daß
wir  einerseits  für  die  jungtürkische  Reformbewegung  aufrichtige  Sympathie
hätten,  daß  wir  andererseits  unseren  österreichisch-ungarischen  Bundesgenossen
  in  seiner  schwierigen  Lage  nicht  im  Stich  lassen  würden.  Am
13.  Oktober  teilte  ich  nach  London  mit,  daß  Österreich-Ungarn  eine  Diskussion
  über  die  bosnische  Frage  auf  einer  Konferenz  nicht  zulassen  könne
und  daß  wir  unserem  Verbündeten  in  dieser  Auffassung  zur  Seite  ständen.
An  diesem  selben  Tage  ließ  ich  eine  Instruktion  nach  Wien  gehen,  aus  der
ich  Ihnen  abschließend  noch  einen  Passus  mitteilen  möchte.  Ich  schrieb
an  unseren  Botschafter  in  Wien: