März  1909.  185

Ich  hatte  gestern  Gelegenheit  zu  einer  längeren  Aussprache  mit
Seiner  Majestät  dem  Kaiser  und  Könige  und  bin  in  der  Lage,  zu
sagen,  daß  Seine  Majestät  vollständig  den  Standpunkt  billigt  und
teilt,  den  ich  vom  ersten  Tage  an  eingenommen  habe,  die  Auffassung
nämlich,  daß  für  uns  weder  Veranlassung  vorliegt,  noch  auch  Neigung
bei  uns  besteht,  das  Vorgehen  unseres  Verbündeten  einer  Kritik
zu  unterziehen,  wohl  aber  der  feste  Wille,  in  Erfüllung  unserer  Bündnispflichten
  an  seiner  Seite  zu  stehen  und  zu  bleiben.  Auch  für  den
Fall,  daß  Schwierigkeiten  und  Komplikationen  entstehen  sollten,
wird  unser  Verbündeter  auf  uns  rechnen  können.  Seine  Mojestät
der  Kaiser  und  König,  dessen  verehrungsvolle  Freundschaft  für  den
ehrwürdigen  Kaiser  und  König  Franz  Joseph  bekannt  ist,  steht  in
Unerschütterlicher  Treue  zu  seinem  erhabenen  Verbündeten.

Das  also,  meine  Herren,  war  der  Standpunkt,  und  das  waren  meine
Instruktionen  von  dem  ersten  Tage  an.  Danach  können  Sie  ermessen,
was  es  auf  sich  hat,  wenn  man  mich  als  unsicheren  Kantonisten  hat  verdächtigen
  wollen.

Ebenso  wie  gegen  die  grundlose  Behauptung,  als  ob  ich  unseren
österreichisch-ungarischen  Verbündeten  anfangs  nur  zögernd  und  lau  unterstützt
  hätte,  muß  ich  mich  nun  auch  gegen  den  entgegengesetzten  Vorwurf
wenden  —,  nämlich,  daß  wir  uns  mit  überflüssigem  Eifer  an  der  Seite
von  Osterreich-Ungarn  gehalten  hätten.  Es  wird  darüber  geklagt,  daß  wir
uns  dadurch  unnötigerweise  in  Gefahr  begeben  hätten.  Man  hat  uns
vorgeworfen,  daß  wir  uns  nur  für  Interessen  eingesetzt  hätten,  die  nicht
unsere  eigenen  Interessen  wären.  Diese  Vorwürfe  treten  auf  mit  dem
Anschein  eines  gesunden  politischen  Egoismus,  und  sic  werden  vorgetragen
unter  Berufung  auf  die  Autorität  des  Fürsten  Bismarck.  Es  wird  als
Bismarcksche  Ausicht  hingestellt,  daß  wir  in  der  Balkankrisis  jede  Stellungnahme
  hätten  vermeiden  sollen.  Meine  Herren,  ich  behaupte,  daß  eine
solche  Laodicäer-Politik  vom  Fürsten  Bismarck  ohne  Bedenken  verworfen
worden  wäre.  Nicht,  in  Balkan-,  in  Orientfragen  überhaupt  Stellung
zu  nehmen,  hat  Fürst  Bismarck  widerraten,  sondern  vorzeitig  Stellung
zu  nehmen  oder  die  Führung  an  sich  zu  nehmen.  Ich  will  Sie  an  ein  Wort
des  Fürsten  Bismarck  erinnern,  das  zu  seiner  Zeit,  als  es  gesprochen  wurde,
eine  allgemein  mahnende  Betrachtung  war,  und  das  heute  eine  schlagende
Rechtfertigung  ist.  In  seiner  unsterblichen  Rede  vom  6.  Februar  1888  sagte
Fürst  Bismarck  —  ich  habe  mir  die  Stelle  ausgeschrieben  —:

Ein  Staat  wie  Osterreich-Ungarn  wird  dadurch,  daß  man  ihn  im
Stiche  läßt,  entfremdet  und  wird  geneigt  werden,  dem  die  Hand