März  1909.  189

Die  serbischen  Rüstungen  sind  ein  gefährliches  Spiel  t).  Wenn  es  nun
auch  ein  unerträglicher  Gedanke  ist,  daß  der  europäische  Frieden  wegen
Serbien  gefährdet  werden  sollte,  so  folgt  daraus  doch  keineswegs,  daß
Osterreich--Uugarn  oder  die  Türkei  anzuhalten  wären,  unberechtigten
politischen  und  territorialen  Aspirationen  der  Serben  nachzugeben.  Vielmehr
  würde  eine  starke  Verantwortung  aus  der  ganzen  Lage  der  Dinge
für  diejenigen  erwachsen,  die  dazu  beitragen  sollten,  die  serbischen  Aspirationen
  in  irgend  einer  Weise  zu  ermutigen.  Sie  sind  keinen  Krieg,  geschweige
  denn  einen  Weltbrand  wert.  Ich  habe  aber  die  beste  Zuversicht,
daß  das  Friedensbedürfnis  Europas  stark  genug  sein  wird,  um  einen  solchen
Weltbrand  zu  verhüten.  Die  Haltung,  welche  die  russische  Politik  in  der
Annexionsfrage  neuerdings  angenommen  hat,  bestärkt  mich  in  dieser  Hoffnung.
  Durch  diese  Haltung  haben  sich  die  Leiter  der  russischen  Politik
und  insbesondere  Seine  Majestät  der  Kaiser  Nikolaus  Anspruch  auf  die
Anerkennung  und  die  Dankbarkeit  aller  Friedenusfreunde  in  Europa  erworben.

(Bravol)

Unsere  Haltung  gegenüber  der  Konferenzfrage  hat  sich  nicht
geändert.  Wir  haben  nach  wic  vor  keine  grundsätzlichen  Bedenken  gegen
eine  solche  Konferenz,  vorausgesetzt,  daß  alle  europäischen  Mächte  an  ihr
teilnehmen,  daß  die  Mächte  sich  vorher  über  die  streitigen  Punkte  einigen,
und  das  Konferenzprogramm  genau  festgesetzt  und  umgrenzt  wird.  Denn
wir  wünschen,  meine  Herren,  daß  die  Konferenz  nicht  ein  Aufregungsmittel,
  sondern  —  ich  bediene  mich  der  Worte  des  englischen  Ministers
des  Außern  —  ein  Beruhigungsmittel  sein  möge.

Nun  ist  weiter  gesagt  worden,  wir  hätten  uns  bemühen  sollen,  die  in
Europa  bestehenden  und  gewiß  nicht  unge  fährlichen  Gegensätze  auszugleichen,
  und  es  wird  uns  vorgeworfen,  daß  wir  in  dieser  Richtung  nicht
geung  getan  hätten.  Meine  Herren,  man  übersieht  dabei,  daß  wir  gar
keine  Veranlassung  hatten,  eine  übertriebene  Geschäftigkeit  zu  entwickeln.
Soweit  aber  eine  Grundlage  für  einc  vermittelude  Tätigkeit  vorhanden
war,  haben  wir  es  natürlich  nicht  an  Bemühungen  in  ausgleichendem
Sinne  fehlen  lassen.  Wir  sind  in  dieser  Richtung  und  nicht  ohne  Erfolg
zwischen  Wien  und  Konstantinopel  und  auch  zwischen  Wien  und  St.  Petersburg
  tätig  gewesen.  Dabei  sind  wir  uns  allerdings  stets  der  Grenzen  bewußt

1)  Serbien  rüstete,  weil  es  sich  durch  das  österreichische  Vorgehen  auf  seinem  Wege
zum  Meere  bedroht  fürchtete;  seine  „politischen  und  territorialen  Aspirationen“  gingen
eben  darauf,  sich  diesen  Zugang  zunächst  zum  Adriatischen  Meerc  zu  eröffnen.