März  1909.  193

orgriffen  haben  zu  den  großen  Fragen  der  auswärtigen  Politik,  die  heute
zur  Diskussion  standen,  meinen  Dank  auszusprechen  für  die  Unterstützung,
  die  sie  uns  in  diesen  Fragen  gewährt  haben.  Die  Zustimmung
aller  bürgerlichen  Parteien  ist  für  die  verbündeten  Regierungen  und  ist
für  die  Leitung  unserer  auswärtigen  Politik  gerade  in  einem  ernsten  Augenblick,
  wie  es  der  gegenwärtige  ist,  besonders  wertvoll.  Ich  will  näher  nur
auf  einige  wenige  Punkte  eingehen,  die  von  den  Herren  Vertretern  der
bürgerlichen  Parteien  besprochen  worden  sind.

Der  Herr  Abgcordnete  Graf  Kanitz  hat  die  Wirren  und  Unruhen
in  Persien  berührt  1).  Ju  unserer  Stellung  zu  den  Vorgängen  in
Persien  hat  sich  nichts  geändert.  Wir  haben  in  Persien  keine  politischen
Ziele,  sondern  verfolgen  dort  nur  wirtschaftliche  Aufgaben,  deren  Bedeutung
  ich  ebensowenig  unterschätze  wie  der  Herr  Abgeordnete  Graf
Kanitz.  Diese  unserc  wirtschaftlichen  Aufgaben  in  Persien  sind  begründet
worden  durch  den  Handelsvertrag,  den  wir  mit  Persien  abgeschlossen  haben,
und  werden  durch  Vereinbarung  dritter  Mächte,  an  denen  wir  nicht  beteiligt
sind,  nicht  berührt.  Unseren  Interessen  in  Persien  wird  am  besten  gedient,
wenn  die  Unabhängigkeit  und  Integrität  von  Persien  und  die  Freiheit
des  Handels  aufrecht  erhalten  bleiben.  Das  englisch-russische  Abkommen
greift  in  diese  Interessen  nicht  ein,  enthält  vielmehr  die  ausdrückliche  Verpflichtung,
  die  Souveräuität  und  Unabhängigkeit  von  Persien  zu  respektieren
und  für  die  offene  Tür  für  alle  Nationen  einzutreten.  Ubrigens  sind  uns
bis  in  die  letzte  Zeit  aus  St.  Petersburg  wie  aus  Londen  spontane  Zusicherungen
  in  derselben  Richtung  zugegangen.  Unter  diesen  Umständen
hatten  wir  keine  Veranlassung,  Stellung  zu  nehmen  gegen  das  englischrussische
  Abkommen.  Es  entspricht  unseren  allgemeinen  Gesichtspunkten
gegenüber  Persien,  daß  wir  es  vermeiden,  uns  in  die  dortigen  innerpolitischen
  Fragen  einzumischen.  Wenn  Rußland  und  England  den  Vorgängen
in  Persien  besondere  Aufmerksamkeit  zuwenden,  so  verkennen  wir  nicht,
daß  beide  Mächte  mit  Rücksicht  auf  die  territorialen  Verhältnisse  an
der  Aufrechterhaltung  von  Ruhe  und  Ordnung  in  Persien  in  erster

Linie  interessiert  sind.  Wir  haben  also  —  und  damit  resümiere  ich
mich  —  keine  Veranlassung,  aus  der  Zurückhaltung  hervorzutreten,

die  wir  gegenüber  den  politischen  Fragen  in  Persien  bisher  eingenommen
  haben.
(Sehr  richtig!)

1)  Graf  Kanitz  hatte  das  englisch-russische  Abkommen  über  Persien  vom  31.August
1907  erwähnt  und  auf  dic  von  1904  bis  1907  erheblich  gestiegenen  Zahlen  des  deutschen
Handelsverkehrs  mit  Persien  hingewiesen.
Hötzsch,  Fürst  Bülows  Reden  2c.  III.  13