194  21.  Tanger  und  Krügertelegramm.

Meine  Herren,  von  einigen  Seiten  ist  an  Einzelpunkten  unserer
Marokkopolitik  Kritik  geübt  worden.  Nachdem  es  einmal  Streit
gegeben  hat,  könnte  ich  die  Rechtfertigung  unseres  Verhaltens  in  den  mir
vorgehaltenen  Einzelpunkten,  die  an  und  für  sich  vielleicht  nicht  so  schwierig
wäre,  nicht  durchführen,  ohne  auf  der  anderen  Seite  Empfindlichkeiten
zu  beleben,  die  eben  jetzt  zu  verglimmen  beginnen.

(Sehr  richtig!)

Daß  ich  aber  alten  Zank  wieder  aufrühre,  würde  für  einen  ruhigen  Gang
unserer  Politik  nicht  förderlich  sein.

(Sehr  richtig!)
Wenn  Sie  die  guten  Beziehungen  zu  Frankreich  pflegen  wollen  —  und
das  wollen  Sie  ja  doch  auf  allen  Seiten  dieses  hohen  Hauses

(lebhafte  Zustimmung)  —,

dann  müssen  Sie  vor  allen  Dingen  die  Rücksichten  gelten  lassen,  die  beide
Regierungen  und  beide  Völker  nach  einer  schwierigen  diplomatischen  Aus—
einandersetzung  einander  noch  mehr  als  sonst  schuldig  sind.  Ich  will  deshalb
nicht  auf  die  einzelnen  Punkte  eingehen,  die  einer  retrospektiven  Kritik
unterworfen  worden  sind.

Nur  das  eine  will  ich  sagen:  es  ist  auch  der  Besuch  Seiner  Majestät
des  Kaisers  in  Tanger  1)  erwähnt  worden.  Ich  kann  mich  hierüber  ganz
kurz  fassen.  Der  Besuch  Seiner  Majestät  des  Kaisers  in  Tanger  war,  wie
Sie  sich  erinnern  werden,  ein  wohlerwogener  Schritt  in  dem  Rahmen
unserer  damaligen  politischen  Aktion.  Ich  habe  nichts  von  dem  zurückzunehmen,
  was  ich  darüber  gesagt  habe  —  es  muß,  wenn  ich  mich  nicht
irre,  im  Dezember  1905  gewesen  sein  2)  —  also  was  ich  damals  vor  diesem
hohen  Hause  gesagt  habe.  Ich  habe  damals  erklärt,  daß  ich  diesen  Besuch
Seiner  Majestät  dem  Kaiser  angeraten  habe,  und  daß  ich  diesen  Besuch
mit  meiner  vollen  politischen  Verantwortung  decke.

Nun  ist,  meine  Herren,  heute  hier  und  da,  wohl  auch  gelegentlich
anderswo,  von  einer  Inkonsequenz  unserer  Marokkopolitik  gesprochen
worden.  In  der  Politik  ist  nichts  von  ewiger  Dauer.  Das  Ziel:  die  Wohlfahrt,
  die  Größe,  die  Macht  des  Vaterlandes,  bleibt  dasselbe,  das  muß
man  mit  starrer  Konsequenz  im  Auge  halten;  aber  die  Mittel  und  Wege
wechseln  je  nach  dem  Bedürfnis,  —  da  kann  man  nur  nach  der  Oppor-1)

  Am  31.  März  1905.
2)  Am  9.  Dezember  1905;  II,  S.  272.