März  1909.  195

tunität  gehen.  Den  Verhältnissen  muß  jeder  Politiker  Rechnung  tragen;
sonst  ist  er  eben  kein  Politiker.

(Sehr  wahr!  rechts.  —  Stürmische  andauernde  Heiterkeit.)

In  diesem  Zusammenhange  möchte  ich  Ihnen  eine  Bemerkung  wiederholen,
  die  mir  einmal  ein  verstorbenes  Mitglied  dieses  hohen  Hauses  gemacht
  hat,  und  die  in  dem  Sinne  ungefähr  auf  dasselbe  hinauskam,  was
der  Urheber  des  Zwischenrufs,  den  wir  soeben  gehört  haben,  wahrscheinlich
  andeuten  wollte.  Ein  verewigtes,  sehr  geistvolles  Mitglied  dieses  hohen
Hauses,  der  verstorbeue  Abgeordnete  Ludwig  Bamberger,  der  mir  wohlwollend
  gesinnt  war,  sagte  mir  einmal  auf  einem  Spaziergange,  den  wir
zusammen  im  Tiergarten  machten:  „Ich  glaube,  das  Geheimnis  der  auswärtigen
  Politik  liegt  in  einer  gewissen  kühnen  Inkonsequenz.“  Die  auswärtige
  Politik  kann  auch  nicht  in  einem  von  vornherein  in  allen  einzelnen
Punkten  festgelegten  Plan  geführt  werden;  denn  sie  ist  die  Kunst,  mit  den
gegebenen  Faktoren  zu  rechnen,  und  vor  allen  Dingen  muß  sie  sich  halten
innerhalb  des  ordo  rerum  agibilium.  Das  hat  schon  der  heilige  Thomas
von  Aquino  gesagt

(stürmische  Heiterkeit),

dessen  Autorität  ich  sehr  hoch  stelle.

Meine  Herren,  es  ist  aber  auch  das  Telegramm  erwähnt  worden,
welches  Seine  Majestät  der  Kaiser  —  es  war  wohl  im  Jannuar  1896  —
an  den  Präsidenten  Krüger  gerichtet  hat  1).  Es  ist  gefragt  worden,  ob  dieses
Telegramm  ein  Akt  persönlicher  Initiative  oder  ein  Staatsakt  gewesen  sei.
In  dieser  Beziehung,  meine  Herren,  kann  ich  Sie  auf  Ihre  eigenen  Verhandlungen
  verweisen.  Sie  werden  sich  daran  erinnern,  daß  die  Verantwortlichkeit
  für  dieses  Telegramm  von  den  damaligen  Leitern  unserer
politischen  Geschäfte  niemals  abgelehnt  worden  ist.  Das  Telegramm
war  ein  Staatsakt,  hervorgegangen  aus  amtlichen  Beratungen;  es  war
in  keiner  Weise  ein  Akt  persönlicher  Initiative  Seiner  Majestät  des  Kaisers.
Wer  das  behauptet,  der  kennt  die  Vorgänge  nicht  und  tut  Seiner  Majestät
dem  Kaiser  vollkommen  unrecht.

Meine  Herren,  ich  komme  nun  zu  den  Ausführungen  des  Herrn  Abgeordneten
  Ledebour.

(Ohl  ohl  rechts.)

Ich  bin  dem  Herrn  Abgeordneten  Ledebour  dankbar  dafür,  daß  er  es
schmerzlich  empfindet,  wenn  ich  nicht  an  allen  Beratungen  dieses  hohen

1)  Am  3.  Januar  1896.

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