März  1909.  199

22.  Der  Royalismus  des  Kanzlers.  —  Weissche  Frage.  —  Der  Kaiser.
—  Kamarilla.  —  Vorgehen  gegen  die  Sozialdemokratie.  —  Besitzstener
und  HFinanzreform.

Sitzung  des  Reichstags  vom  30.  März  1909.

Am  folgenden  Tage,  30.  März  1909,  der  zu  demselben  Etatsposten  der  Besprechung
der  inneren  Politik  gewidmet  wurde,  griff  der  Abgeordnete  Götz  v.  Olenhusen
den  Reichskanzler  wiederum  wegen  der  welfischen  Frage  an.  Dabei  warf  er  ihm  vor,
daß  er  bei  der  Debatte  über  die  Veröffentlichung  des  „Daily  Telegraph“  den  Kaiser
nicht  besser  verteidigt  hätte;  er  stellte  seine  eigene  Königstreue  in  Parallele  zu  der
Haltung  des  Kanzlers,  worauf  dieser  sofort  antwortete.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:
Meine  Herren,  der  Herr  Vorredner,  der  Herr  Abgeordnete  Götz
v.  Olenhusen,  hat  sich  erlanbt,  —  —  —

(Zurufe  in  der  Mitte  und  bei  den  Polen:  Erlaubt?!  —  Unruhe  —  Glocke
des  Präsidenten)

—  ja  wohl  erlaubt  —,
Präsident:  Meine  Herren,  ich  bitte  um  Ruhe.

Reichskanzler  Fürst  von  Bülow:  —  —  mir  Vorhaltungen  zu  machen
über  wahren  Royalismus.  Er  hat  es  gewagt,  meine  Königstreue  anzuzweifeln.
  Es  würde  lächerlich  sein,  und  ich  glaube,  es  würde  auch  nicht
verstanden  werden,  wenn  ich  mich  gegenüber  dem  Herrn  Abgeordneten
Götz  v.  Olenhusen  in  diesem  Punkte  rechtfertigen  wollte.

(Lebhaftes  Sehr  richtig!  rechts  und  links.)

Ich  habe  in  einer  fast  vierzigjährigen  Dienstzeit,  ich  habe  unter  oft  schwierigen,
unter  oft  recht  schwicrigen  Verhältnissen  meine  Treue  für  König  und  Vaterland,
  für  Kaiser  und  Reich  bewährt.  In  der  äußeren  wie  in  der  inneren
Politik  habe  ich  nie  einen  anderen  Leitstern  gekannt  als  das  Wohl  der
Monarchic,  das  Wohl  des  Landes,  die  Staatsraison,  die  nationale  Idce
und  die  Kaiseridee,  die  für  mich  unauflöslich  verknüpft  sind.  Ich  lehne
es  ab,  mir  von  dem  Abgeordneten  Götz  v.  Olenhusen  Vorschriften  machen
zu  lassen  über  meine  Haltung  gegenüber  meinem  König  und  Herrn.

(Stürmischer  Beifall  rechts  und  links.)

lber  diese  Haltung  erkenne  ich  keinen  anderen  Richter  an  als  Seine  Majestät
den  Kaiser  und  König  und  mein  Gewissen.

(Lebhafter  Beifall  rechts  und  links.)